Wenn ich heute mit jungen Mitarbeitern über die Guerilla Historie spreche und das Kürzel APO fällt, ernte ich zumeist fragende Blicke. So schnell kann das gehen, denke ich mir dann: Gestern noch Gallionsfiguren einer gesellschaftlich bedeutenden Bewegung und eine Generation später schon vergessen.

Denn die Außerparlamentarische Opposition (APO), die in den studentischen Auseinandersetzungen von 1968 ihren Höhe- und Endpunkt fand, hat die Technik der Guerilla auf einzigartige Weise adaptiert und revolutioniert. Ferment war dabei die so genannte exemplarische Aktion, die u. a. als Vorläufer der APO-typischen Protestform, des Happenings, gilt. Sie war die erste Äußerung eines spaßorientierten, antiautoritären Linksradikalismus in Deutschland. Es ging ihr u. a. darum, ohne die Mittel ideologischer oder weltanschaulicher Predigt aufzuzeigen, worin die eigenen Ziele lagen. Das Wort Demonstration war plötzlich ganz wörtlich zu verstehen. Darüber hinaus war Provokation der bürgerlichen Öffentlichkeit angesagt. Vor allem aber hatten die Aktionen originell zu sein. Dadurch sollten der eigene Anarchismus bedient werden, aber auch die Medien ihr Thema kriegen.

Denn die APO-Anhänger verstanden sich auch als eine Art Medien-Aktivisten: Auseinandersetzungen wurden über den redaktionellen Teil von Zeitungen und Medien geführt. Die APO war die erste Guerilla, die das Instrument der Medienpräsenz systematisch einsetzte – insofern sind sie für mich „Die Urväter des Guerilla Marketing in Deutschland“.

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Credit: SV-Bilderdienst / Hesterberg T. – Mitglieder der Kommune 1, 1967

Erste exemplarische Aktion, die bürgerliche Verkrustung politisch wie individuell-persönlich-psycholgogisch auflösen sollte, war die Kommune I. Gegründet um die Jahreswende 1966/67 verstand sie sich als Experiment und Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie mit ihrer repressiven Sexualmoral. Die Kommune war eine Provokation an sich und wurde damit als Ganzes zum Medien-Hype. Dazu trugen auch Sprüche bei, die das Programm und Selbstverständnis in witzige, originelle, damit medientaugliche Slogans fasste: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Oder: „Was interessiert mich Vietnam, ich habe Orgasmusschwierigkeiten“ (was sich gegen die Spießer in der linksradikalen Bewegung selbst richtete).

So machten Kommunarden wie Fritz Teufel, Rainer Langhans oder Uschi Obermeier die Presse mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam, etwa weil sie auf den damaligen US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey ein Attentat mit Pudding-Pulver und Joghurt geplant hatten.

Und heute? Da wird in den Medien schon von einer Guerilla Aktion gesprochen, sobald man Handzettel im Pinguin-Kostüm verteilt. Armes Deutschland. Nicht nur was den Background vieler Nachwuchs-Kreativer anbelangt.

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