Nachdem mein letzter Ausflug in die 60er gleich eine rege Diskussion hervorrief :-), noch einmal ein Blick zurück auf die Urväter des Guerilla Marketing.

Einer der wichtigsten Ideengeber in der Kommune war der Ex-Schwabinger Dieter Kunzelmann. In seinen Erinnerungen „Leisten Sie keinen Widerstand“ lässt sich der Weg des Mannes verfolgen, der zum Prototyp der antiautoritären Bewegung wurde: Er fing als Clochard unter den Seine-Brücken von Paris an, stieß in München zur Gruppe Spur, wurde ebenfalls Mitglied der Situationistischen Internationale, begründete die Subversive Aktion, wechselte 1966 in West-Berlin zum SDS und rief schließlich die Kommune I mit ins Leben.

Bereits 1961 hatte Kunzelmann von einem Bauernhof in Südschweden aus seiner Familie in Bamberg geschrieben: „Wir versuchen, hier eine kollektive kommunistische und situationistische Keimzelle innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft aufzurichten.“

Als im April 2000, rechtzeitig zur Welle der 68er-Revivals, in der „Berliner Zeitung“ eine kryptisch anmutende Todesanzeige erschien, in der ohne Orts- und Datumsangabe behauptet wurde, Kunzelmann habe nicht nur über sein Leben, sondern auch über seinen Tod „frei bestimmt“, hatte der „Obermufti des Chaos“, wie er sich selbst einmal bezeichnete, seine Wiederauferstehung bereits knapp 33 Jahre hinter sich.

Kunzelmann-Apo

Denn während der Trauerfeier für den früheren Reichstagspräsidenten Paul Löbe am 9. August 1967 in West-Berlin hatten Demonstranten, die „Freiheit für Fritz Teufel“ forderten, einen Sarg mit sich geführt. Als sich der Deckel öffnete, erhob sich der bärtige Kommunarde Kunzelmann, verteilte Flugblätter und schloss sich auf solch makabre Weise der Forderung an. Auch wenn manch einer das Ganze peinlich finden mag: Untertauchen, Täuschung, Geheimniskrämerei, Simulation und Selbstinszenierung – typische Taktiken des Guerilla Marketing bis heute – waren schon immer Kunzelmanns Lebenselexier.

Die Aktionen, die von der Subversiven Aktion angezettelt wurden, sollten anecken, provozieren, subtile Mechanismen und Tabus entblößen. Zugleich sollte ihr anarchischer Charakter ein Stück Selbsterfahrung, -reflexion und -befreiung sein. Die direkten Aktionen, die indirekt sicher auch auf das Marketing abstrahlten, waren historisch einmalig: Sie verbanden Spaß mit „Revolution“. Das gewollte Ergebnis: Mediengeschrei.

Die Außerparlamentarische Opposition war ein Medienstar und damit die erste Bewegung, die den Vermarktungscharakter exemplarischer Guerilla-Aktion erkannte. Ja, die direkte Aktion war gerade dazu bestimmt, vom Marketing absorbiert zu werden. Denn sie lebte vor, wie es gelingt, den einzig noch werbefreien Raum zu erobern: den redaktionellen Bereich. Das kommerzielle Guerilla Marketing geht insofern noch darüber hinaus, als dass es Medienpräsenz auch für rein werbliche Inhalte fordert.

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