Es nimmt zu, auch wenn nur Einzelfälle ans Tageslicht kommen: die heimliche Manipulation in Chatrooms, Foren und jetzt auch in Blogs. Unter dem Deckmantel „Online Guerilla“ werden subversiv Statements platziert, User beeinflusst und Meinungen gemacht. Von fleißigen Studenten, die im Auftrag der Agenturen Meinungen posten oder von eifrigen Vertriebsmitarbeitern selbst, die ihrem Produkt auf diese Weise Wettbewerbsvorteile sichern wollen.

Auch wir erhalten regelmäßig Anfragen nach solchen Diensten, weshalb ich heute dieses Thema zu Diskussion stellen will: Sind sog. Chat Attacks/heimliche Postings verwerflich? Erzielen sie überhaupt einen Effekt? Was, wenn die Aktion auffliegt? Und, und, und …

Eines vorweg: Wir lehnen diese Art von Meinungsmache grundsätzlich ab und nehmen darum auch keine diesbezüglichen Aufträge an. Aber nicht, weil wir denken, dass es gegen einen Ehrencodex verstößt, sondern weil wir nicht an die Wirkkraft solcher Aktionen glauben. Und weil der Schaden im Falle der Aufdeckung immens größer ist, als der Nutzen, den die Aktion jemals haben könnte.

Die User – insbesondere die Bloggerszene – sind sehr aufmerksam geworden, wenn es darum geht, „Meinungs-Spam“ in ihren Communities aufzuspüren. Das ist auch gut so, wenngleich man aufpassen sollte, dass hier keine Hexenjagd entsteht. Denn, jetzt mal unabhängig davon, dass solche Posts auf Dauer nur nerven und die echte Diskussion behindern: Wirklich neu oder verwerflich sind solche Manipulationsversuche doch nicht. – Ich weiß, für diese Position werde ich mir wahrscheinlich einen Satz heißer Ohren einfangen, darum will ich meinen Standpunkt kurz begründen:

Verdeckte Manipulation von Verbrauchern gibt es seit langem – und in allen Variationen: subversives Product Placement, bezahlte Promotion Strecken (nicht nur in Fachmagazinen) oder Lobbying hinter den Kulissen. Usus, seit es einen Markt für Marketing/Werbung/Meinungsbildung gibt.

persil70.jpg Und auch auf echt getrimmte Werbung durch professionelle Lobhudler ist doch seit jeher gang und gäbe: Nur heißen die gemieteten Fürsprecher z. B. in der Promi-Werbung „Testimonials“. Ihre Liebe zum Produkt ist verlogen – aber dem (gutgläubigen) Publikum wird das Gegenteil suggeriert … Ist das nicht das gleiche Prinzip wie bei den Chat Attackern im Internet? Dafür zahlen Konzerne Millionenhonorare – nur werden Beckenbauer, Feldbusch & Co. deshalb öffentlich an den Pranger gestellt oder als Plagegeister deklariert? – „Da weiß man’s doch“, denken Sie? Da bin ich anderer Meinung. Insbesondere dann, wenn Günther Jauch seinen treuesten Blick aufsetzt, den Fuß auf den Bierkasten stellt und dazu aufruft, gemeinsam (durch mehr Bierkonsum) den Regenwald zu retten. Irgendwie glaubt man ihm das schon, dem Günther.

Von den zigtausend erfundenen „Alltags-Testimonials“, die uns medienübergreifend vorgaukeln: „Ich kaufe x, weil ….“ oder „Ich lese y, denn …“, gar nicht erst zu reden. Denen sieht man (als Laie) nun wirklich nicht an, dass sie aus einer Bilddatenbank kommen und wahrscheinlich gar nicht wissen, wo ihr Bild mit welchem Text für welches Produkt eingesetzt wird. – Ist das nicht genauso fragwürdige Werbung unter dem Deckmantel der Realität?

suchmaschinenoptimierung Oder wie stehen Sie zu Suchmaschinen-Optimierung? Fast jedes Unternehmen, das im Internet Geschäfte machen will, versucht doch mit allen Tricks die „objektiven“ Ergebnislisten der Suchmaschinen zu verfälschen. Verächtlich oder nicht ganz so schlimm?

Genau aus diesen Gründen finde ich heimliche Postings/Chat Attacks zwar extrem einfallslos und dumm, aber nicht wirklich fragwürdig! Denn getarnte Werbung, die vorgibt „wahr“ zu sein, ist schon seit Jahren fest im Marketingmix etabliert.

Mehr Infos und Fallbeispiele zum Thema „Virales Marketing“ hier und hier.