Nach meiner siebenmonatigen Reise durch Südostasien komme ich zurück in eine Welt, wo jeder von Entschleunigung redet, aber keiner von der Überholspur runterkommen möchte. Was habe ich in einer Welt gelernt, wo ein elfstündiger Stromausfall so normal ist, wie bei uns das stündliche Update der Facebook-Statusmeldung?

Back to the routes…
An meinem ersten Tag am Fuße des himalaischen Gebirge staunte ich nicht schlecht als der Monitor des zehn Jahren alten PCs, in dem einzigen Internetcafé der kleinen Siedlung Pharpings auf einmal kurz aufblinkte und dann schwarz wurde. Was ich in diesem Moment jedoch noch nicht wusste. Der Monitor blieb auch für die nächsten zehn Stunden schwarz und sollte dies ab sofort jeden Nachmittag tun.

Mancher Cut tut nicht weh.

Bremsen kann anfänglich weh tun.
Zur Folge hatte mein erster mehrstündiger Stromausfall in meinem Leben, dass ich mich an diesem Abend in mein kleines Zimmer zurückzog und mir bei Kerzenschein einzureden versuchte, dass das alles doch ganz prima sei. Mit anderen Worten: Ich fand den Moment alles andere als friedvoll und begann mich ernsthaft zu fragen, warum ich mir das alles nur freiwillig angetan hatte. Im Nachhinein muss ich mir eingestehen: Stillstand oder das Nichtabgelenktsein kann nach der jahrelang eintrainierten “on the run”-Mentalität erstmal richtig weh tun. 

Doch nach den ersten medialen Entzugserscheinungen beginnt der Geist glücklicherweise dort anzukommen, was wir im Digital Lifestyle-Jaggon auch gerne als “Offline”-World oder reales Leben bezeichnen. Ja und so konnte ich tatsächlich nach den ersten einsamen Abenden eine innere Vorfreude auf mein kleines in kerzenscheingehülltes Zimmer verspüren und mich ganz freiwillig und völlig zufrieden meinem realen Leben widmen.

Stillstand braucht eben auch Zeit!
Und was habe ich daraus gelernt? Ein zerstreuter Geist braucht eben ein paar Tage, um wieder da anzukommen, wo er vor dem ersten Handykauf und dem Registrierungsprozess auf sämtlichen Communities war. Während ich die ersten Wochen noch das innewohnende Bedürfnis nach Mitteilung und Austausch mit meinen 557 digitalen Freunden hatte, wurden irgendwann auch die letzten digitalen Verbindungen gekappt und das Offlinesein tat dann gar nicht mehr weh.

Jetzt komme ich zurück und höre von überall nur noch das Zauberwort – Entschleuniger – nach diesem sehnen wir uns hierzulande also, richtig? Doch wie passt dies damit zusammen, dass mittlweile fast jeder Zehnte non-stop seine Freunde per Kommentarfunktion an seinem Leben teilhaben lässt, wir uns von Schnellzügen von A nach B transportieren lassen und sich keiner mehr einen Shoppingtrip ohne den obligatorischen Cafe to Go vorstellen kann?

Hier greift das Sprichwort. Reden ist silber, Schweigen ist gold….
Sind wir doch mal ganz ehrlich! Wer wirklich einen Entschleuniger möchte, der findet diesen in dem Ausschaltknopf seines Handys und bei einer Auszeit in einem traditionellen Café, wo man noch von einer Serviererin mit weißer Spitzenschürze bedient wird (und dies sogar im Sitzen). Ja, sowas gibt es nämlich noch selbst in Zeiten der Hochgeschwindigkeit. Aber wenn man natürlich auf den Monitor seines iPhones starrt, dann kann es durchaus vorkommen, dass man an den Fensterscheiben der traditionellen Cafés vorbeizieht und völlig genervt in der Schlange eines Coffeeshops stehend die Botschaft “is having a Latte Macchiato at Starbucks” in das eigene digitale Netzwerk verbreitet. Positives Messaging gilt eben laut “Gross National Happiness”-Index (GNH) derzeit als absolut chic.

“Gibt’s den Entschleuniger auch im Turbogang?”
Und jetzt noch eine kurze Aufgabe an diesem schnellen Tag. Ich bitte alle diejenigen, die sich als eigene Gefangene dieser schnelllebigen Gesellschaft sehen, doch mal für einen Moment ihren Laptop, ihr SmartPhone und den iPod auszuschalten, kurz inne zu halten und sich selbst zu fragen.

Will ich denn wirklich einen Entschleuniger, oder gehört das Bedürfnis nach weniger Geschwindigkeit nicht einfach zum selbstgewählten digitalen Dasein dazu?