Mit dem Start der ersten TV-Spots zur kommenden Bundestagswahl stellt sich für den geneigten (oder auch geknickten) Beobachter wieder die Frage: „Wie blöd sind wir eigentlich?“ Werden wir erneut geschickt gemachten Propagandafilmen aufsitzen, nur um wenig später – leicht verkatert – aufzuwachen und festzustellen: „Das haben die gar nicht ernst gemeint?“. Wie blöd sind wir eigentlich? Wo doch die Frage der Zeit lauten sollte: Wie dumm sind wir in Zukunft?

Der österreichische Internet-Rechtsexperte Viktor Mayer-Schönberger erregte vor kurzem mit seiner Aussage Aufsehen, Social Networks würden unsere Innovationsfähigkeit einschränken. Wer ständig twittere oder auf Facebook poste, was er just und jetzt gerade und in diesem Augenblick nicht tut, gibt vor lauter Konzentration auf die absolute Gegenwart persönliche Denkfreiräume auf reduziert damit seine Kreativität, so Mayer-Schönberger.

Dabei ist jedoch gerade der ungehemmte Austausch mit jedem über alles eines der meist zitierten Argumente für die persönliche Nutzung von Social Networks. Aber wo beginnt die Unterhaltungswert und wo endet der Nutzen? Je mehr Menschen sich über ein konkretes Thema unterhalten, desto eher nivelliert sich der allgemeine Wissensstand auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner des noch halbwegs nützlichen Halbwissens. Das nennen wir dann Wikipedia.

Vielfach treten auch selbsternannte Experten in Online-Foren auf und ahnungslose Opfer schlucken deren Ratschläge ohne mit der Wimper oder respektive ihrem Gehirn zu zucken, wie man an folgendem Beispiel sehr schön erkennen kann:

How to become a mermaid!

Wie sehr wir dem allgemeinen (Nicht-)Wissen in Social Networks und auf Online-Plattformen trauen, hängt ganz von uns selbst und unserer Fähigkeit zu reflektieren und zu relativieren ab. Mittlerweile scheint jedoch erwiesen, dass uns genau diese Fähigkeiten immer mehr abhanden kommen, wie Gary Small und Gigi Vorgan in ihrem aktuellen Buch „iBrain“ beschreiben. Die Autoren stellen dabei den gesteigerten Fähigkeiten der so genannten „digital natives“ (den Eingeborenen des Informationszeitalters) bei der Informationsverarbeitung und der schnellen Reaktion auf visuelle Reize deutliche Defizite in der zwischenmenschlichen Kommunikation und emotionalen Intelligenz gegenüber. Das Gehirn passe sich dabei den neuen Informations- und Kommunikationstrends immer weiter an.

Für Kulturpessimismus oder einen kollektiven hysterischen Anfall ist es aber wohl noch zu früh. Evolutionäre Prozesse benötigen naturgemäß einiges an Zeit. Zeit die wir nutzen können um über das was wir tagtäglich an Tweets und Status Updates aufnehmen auch mal ordentlich nachzudenken. Social Media und Online Communities bereichern unser Leben auf eine neue Art und Weise. Sie können den Menschen neue Sprachrohre bieten, wie man bei diversen Protestaktionen und virtuellen Aufständen in den letzten Monaten sehen konnte. So hat der massenhafte Protest von Twitter Usern angesichts der iranischen Präsidentenwahl gezeigt, dass Social Networks durchaus in der Lage sind, die Menschen näher zusammen zu bringen und ihren einzelnen Stimmen deutliches Gehör zu verschaffen. Solche Massenmobilisierungen sind ein erstes Anzeichen dafür, dass Social Media neben gefährlichem Halbwissen auch ein großes Potenzial für ein neues, noch globaleres Denken bietet.