Richtig, wir leben glücklicherweise in einer Demokratie, in der wir dank Artikel 5 unseres Grundgesetzes unsere freie Meinung äußern dürfen. Gerade die Journalisten werden auch mit dem Artikel angesprochen, denn so heißt es:
Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet

Alles richtig und auch sehr gut, aber es wirkt zugegebenermaßen schon ein wenig peinlich, wenn der Onlineredakteur der Zeit Jens Uehlecke “Schluss mit dem Geschnatter” und damit ein Aus für alle Twitterer fordert. Sein Anliegen ist leicht erklärt. Er findet, dass die Tweets nach den Blogs zu den neuen Klowänden des Internet mutiert sind, oder vielleicht besser zu den einzelnen Klopapierstücken. Hier mal sein Statement zu Twitter in aller Prägnanz:
An der konzertierten Banalität erkennt man schnell, dass einen gewaltigen Vogel haben muss, wer da noch mitsingt. Warum das Ganze trotzdem so populär ist, ist schnell erklärt: Erstens haben Menschen einen nahezu unerschöpflichen Geltungsdrang. Und zweitens gibt es wie für Klowände keine Qualitätskontrolle, keine Mindeststandards. Jeder darf sich äußern, wann und so oft er will. Selbst jene, die nicht einmal mehr von all den Bärbels und Britts in Trash-Talkshows eingeladen würden.
Alles klar, Herr Uehlecke wir haben Sie verstanden. Peinlich wird es allerdings dann, wenn der Kollege Mohr den Artikel über Twitter verbreitet…

…und darauf natürlich auf heftige Kritik unter den Twitterern stößt.

Mal ehrlich, wer mag es schon als ” Verbalakrobaten” bezeichnet zu werden? Aber eins wird auch klar, gewirkt hat der Tweet allemal, so gibt es bereits fünf Stunden nach Veröffentlichung des Artikels über 66 Kommentare. Das zeigt wohl, dass einige der 140-Zeichenlegastheniker durchaus in der Lage sind längere Texte zu schreiben.
Ich frage mich, wie die twitterenden Kollegen des Herrn Uehlcke Wolfgang Blau, Fabian Mohr, Christian Heise, Michael Schlieben und Kai Biermann dies wohl gefunden haben? Leider gibt es hierzu keine wirklichen Twittermeinungen, denn die Schreiberlinge nutzen Twitter fast ausschließich zur Verbreitung ihrer eigenen Artikel. Es steht zwar auf deren Twitterprofil ” Yes, we follow – über unsere privaten Accounts.” Aber wenn man dann mal wirklich nachschaut, sieht die Ausbeute recht mau aus:
Fabian Mohr 43 Follower
Wolfgang Blau 126 Follower
Michael Schlieben (nicht auf Twitter auffindbar)
Christian Heise (ist leider nicht unter seinem realen Namen auf Twitter aktiv)
Michael Biermann 46 Follower
Da fragt man sich wirklich, wie die Redaktion Twitter als Dialogmedium mit ihren Lesern nutzen möchten, falls dies überhaupt beabsichtigt ist. Es scheint, dass Twitter für Zeitonline ausschließlich als reiner Newsticker eingesetzt wird. So ließen sich die Zeitredakteure lediglich zu einer Antwort auf die zahlreichen Tweets zum Artikel hinreissen. Diese ist dann allerdings sehr bezeichnend für die Stimmung, die gerade in der Redaktion vorherrschen dürfte.

Wer hat jetzt am Ende mehr Recht? Herr Uehlcke, der seine Kollegen als Klowand-Beschmutzer bezeichnet, oder die twitterenden Zeit-Journalisten, die das eigentliche Prinzip von Twitter auch nicht so recht verstanden haben?
Ahoi,
kurz ein paar Sätze dazu. Zunächst mal ist der Kollege, der den Artikel über Twitter geschrieben hat, kein Onlineredakteur. Er ist ein Autor von ZEIT WISSEN. Wir veröffentlichen bei ZEIT ONLINE zahlreiche Artikel aus unseren Print-Titeln.. neben der ZEIT sind das auch unsere Magazine.
Ich kann nicht ganz sehen, wieso es /peinlich/ sein soll, diesen Artikel via Twitter zu verlinken. Teile ich die Thesen des Artikels? Gegenfrage: Würde ich dann Twitter benutzen, privat wie im Job?
Unabhängig davon, ob Sie und ich Twitter möglicherweise ganz anders sehen als der Autor – es ist nun mal so, dass Twitter auch kritisch gesehen wird. Das sollte man sich entspannt anhören.
Wenn wir bei @zeitonline Artikel verlinken, dann geschieht das vor allem aus einem Grund: Weil wir davon ausgehen, dass der Text bei den Leuten, die uns followen, thematisch auf großes Interesse stößt. Das Interessante an der ZEIT ist ja gerade, dass dort teils sehr konträre Meinungen aufeinanderprallen. Gleiches gilt für ZEIT ONLINE.
Klar – wir könnten nur Sachen posten, die vorhersehbar Applaus bekommen. Aber wollen wir das? Wen bringt das weiter?
Zum Thema Dialogmedium: Twitter ist für uns inzwischen mit Abstand der wichtigste Rückkanal zu unseren Lesern – wir bekommen nirgendwo mehr Feedback, Kritik, auch Anregungen für Storys.
Dass wir nicht via @zeitonline anderen followen hat einen einfachen Grund. Niemand kann ~ 5000 Leuten ernsthaft folgen. Es geht nicht. Wir haben das Feedback über Suchqueries und Feeds auf dem Radar und sehen sofort, wenn sich Leute melden. Ein Teil der Kommunikation geht auch via DM.
Dass wir nicht immer sofort reagieren, manchmal auch ein paar Stunden still sind, hat relativ profane Gründe: Es gibt bei uns keine Verwaltungsfachangestellten, die Twitter betreuen – wir machen es neben unseren normalen Jobs. Deswegen könenn wir uns noch nicht 24/7 mit @zeitonline beschäftigen. Wir arbeiten dran.
Herzliche Grüße Fabian Mohr
@Fabian Mohr: Ich muss wirklich sagen, dass ich beeindruckt bin. Hätte ich nicht gedacht, dass so eine ausführliche und schnelle Reaktion von Ihnen kommt.
Ich finde es durchaus ein wenig peinlich, dass Sie den Artikel Ihres Kollegen twittern, gerade weil es nun mal ein direkter Angriff auf alle Twitterer ist und Sie ja auch einer davon sind.
Daher hätte ich mir doch ein Statement von Ihnen zu den Vorwürfen erwartet. Entspannt anhören finde ich prinzipiell ne gute Sache, aber mal ehrlich. Der Artikel schreit ja gerade nach einer Antwort und wenn Herr Uehlcke sich ziemlich unentspannt äußert, dann kann ich eine kurze Verspannung der Twitter-Community auch irgenwo verstehen.
Als Online Journalistin, die mittlerweile mehr im Bereich Marketing arbeitet, finde ich es super interessant, dass die Zeitonline Twitter als “wichtigsten Rückkanal zu unseren Lesern – wir bekommen nirgendwo mehr Feedback, Kritik, auch Anregungen für Storys.” sehen.
Das hat mich wirklich überrascht. Natürlich kann ich nachvollziehen, dass man nicht 5000 Leuten aufmerksam followen kann und über Suchqueries kann man sicherlich die wichtigsten Tweets monitoren, aber mal ehrlich. Dann solltet Ihr Euch auch nicht: Yes, we follow – über unsere privaten Accounts” auf die Fahne schreiben, oder?
Trotzdem auf diesem Wege. Vielen Dank für die schnelle Antwort. Ich nehme meinen Vorwurf des reinen Twitter-Newstickers somit zurück und freue mich, dass es auch noch Qualitätsjournalisten in diesem Land gibt. Ja, und das beste. Sie twittern sogar.
Der Kommentar ist Ausdruck der wahnsinnigen Beschleunigung der Medienangst-Zyklen – eine Replik: http://doener.blogage.de/entries/2009/6/3/Die-gespenstische-Beschleunigung-des-Kulturpessimismus
Den Artikel könnte man gut und gern verteidigen wenn er wirklich neue Argumente einbringen würde.
Im Endeffekt werden aber nur die Vorurteile nachgefaselt die schon seit Monaten über Twitter gefällt werden.
Habe mit Verlaub selten so einen schlecht recherchierten, falschen und polemischen Mist gelesen, da brauchen sich die Printmedien nicht mehr wundern wenn die Leser in Scharen fliehen.
Die Polemik des Kollegen Jens Uehlecke kann ich weder verstehen noch nachvollziehen.Sie ist platt und wenig originell. Verstehen und nachvollziehen kann ich, dass es auch und gerade in einer Redaktion wie der Zeit völlig unterschiedliche Meinungen zum Thema Twitter gibt. Das müßte die Redaktionshygiene auch aushalten, dass die twitternden Journalisten der Zeit dem Kollegen öffentlich antworten.Schade, dass sie es (noch) nicht getan haben.
Vielleicht war der Artikel aber auch nur ein Versuch, Aufmerksamkeit für die Zeit und ihre Twitteraktivitäten zu bekommen. Falls ja, dann wurde dieses Ziel auf jeden Fall erfüllt.
Und wenn Fabian Mohr schreibt, dass “Twitter der inzwischen mit Abstand der wichtigste Rückkanal zu den Lesern ist”, dann wäre spätetens diese Tatsache ein Argument, die den Verlag dazu bewegen sollte 24/7 mit den Lesern zu reden. Das Budget dafür aber bitte nicht aus der Redaktion holen, sondern aus dem Bereich Leserservice und Betreuung.
@Fabian Mohr: Völlig richtig, es ist gar nichts peinlich daran, den link zum Artikel zu twittern. Kann man nicht nur machen, muss man sogar, wenn man konsequent mit Twitter arbeitet.
Peinlich ist eben nur der Artikel selbst. Aber das ist Ihnen doch vermutlich auch klar, oder? Wie finden Sie persönlich den Text, trauen Sie sich, dazu etwas zu schreiben?
Was allerdings bleibt – und ich sage das, obwohl ich selbst auch gerade dabei bin, mir das Medium Twitter anzueignen – ist der Vorwurf, dass nichts so sehr an – und aufregt, wie Selbstbespiegelung. Wenn man über Twitter kontrovers schreibt, kommen auf einmal viele Kommentare zusammen. Aber wie viele auch IRL wichtige Dinge finden gerade mal ein oder zwei Antworten? Wer regt sich – nur zum Beispiel – auch nur halb so wortreich darüber auf, dass dem kulturellen Leben Deutschlands (und bald auch Österreichs) wesentlich Werkzeuge entzogen werden – nämlich die Funkfrequenzen, für alle (!) drahtlose Mikrophonie. Das betrifft unglaublich viele Menschen, und zwar vom Musical-Mega-Event über alle Open Air Konzerte, jedes Theater bis hin zum kleinen Vortragenden vor 10 Leuten alle, die mit drahtlosen Sendern/Empfängern arbeiten – und deren Publikum. Das hat Auswirkungen auf das Kulturelle Leben, weil es just denen, die sowieso um ihr Überleben (und das geistige Leben aller anderen) kämpfen, im besten Fall hohe Kosten, im schlimmsten Fall das berufliche Aus bringt. Darüber twittert man nicht so ausgiebig. Auch nicht über wasweissich, die Europawahl, Obdachlose, Armutsgrenzen oder hunderttausende andere Dinge, die Dich und mich betreffen. Aber das ist mal ein paar Tweets wert, und sofort vergessen. Ein Artikel über Twitter aber, das berauscht natürlich sofort. Das ist schon schade. Wie gesagt, ich twittere gerne, und fange noch dazu gerade erst an – aber es ist schon erstaunlich, dass die Belanglosen Dinge so viel mehr und so viel länger Aufregung ziehen… Insofern ist Twitter ganz offensichtlich ein gefundenes Fressen für jeden Kulturpessimisten.
“Dass wir nicht via @zeitonline anderen followen hat einen einfachen Grund. Niemand kann ~ 5000 Leuten ernsthaft folgen. Es geht nicht. Wir haben das Feedback über Suchqueries und Feeds auf dem Radar und sehen sofort, wenn sich Leute melden. Ein Teil der Kommunikation geht auch via DM.”
Dass DM nur funktioniert, wenn man verfolgt UND zurückgefolgt wird, wissen sie vermutlich, also bleibt es beim “Kochen im eigenen Saft” der paar Follower.
@Björn: Sich trauen ist nicht das Thema. Bei der ZEIT und bei ZEIT ONLINE wird von jeher leidenschaftlich und ausdauernd diskutiert, das liegt quasi in unserer DNA. Ich denke, es ist auch klargeworden, dass ich persönlich eine etwas andere Sicht auf Twitter habe als der Autor. Nur – was er notiert, ist keine Einzelmeinung, sie begegnet einem in Variationen recht oft, wenn über Twitter gesprochen wird – auch in dieser Tonlage. Mein näheres Umfeld teilt sich bspw. ziemlich genau in zwei Lager: Leute, die twittern (oder auf Facebook sind) und der Rest, der uns für wahnsinnig hält. Da müssen wir durch.
@Fabian: Ja, die Beobachtung habe ich auch gemacht, in meinem Umfeld verhält es sich nicht anders. Erstaunlich dabei: Die Schärfe der Tonlage korreliert negativ mit dem Kenntnisstand. Und genau da liegt nun auch das Problem mit eurem Artikel. Es ist so fürchterlich schnell zu merken, dass sich Uehlecke mit Twitter nicht auskennt und auch wenig getan hat, um das zu ändern. Was ist denn das für eine Strategie? Wir holen den Leser da ab, wo er steht und drehen ihn einmal im Kreis?
Meine Güte, immer diese Aufregung. Seit wann ist denn Twitter plötzlich DAS ernstzunehmende & relevante Medium? Vielleicht einfach mal was relevantes gesellschftl. vorwärtsweisendes aus Twitter heraus auf die Beine stellen. Dann wird Twitter u. U. auch ernst genommen. Beispielsweise: http://hilfe-fuer-heike-juengst.de . Gruß, Herman Pachulke
Twitter ist ein Werkzeug, was man damit macht bleibt jedem selbst überlassen. Es kann gesellschaftlich relevant sein, der Inhalt bildet aber nun mal auch die Gesellschaft ab. Oder wieviele Leser hat Die Zeit, und wieviele hat die Bild.
Traurig ist eben nur, wenn rein aus der Vogelperspektive über Dinge berichtet wird.
@Fabian Mohr: Wie es der Teufel will ist gestern ein wirklich interssanter Artikel zum Thema erschienen, http://www.time.com/time/business/article/0,8599,1902604,00.html . Vielleicht leiten Sie das Ihrem Kollegen mal weiter, ist ja dazu noch aus seinem Ressort als “Wissenschaftsjournalist”.
Auch nett anzuschauen, das Cover!