atompilz

Immer mehr Agenturen und Unternehmen erkennen die Zugkraft von Social Media Kanälen und investieren in die Umstrukturierung ihrer Kommunikationsabteilungen. Dennoch wird entweder noch viel zu häufig mit „klassischer Denke“ oder fehlendem Feingefühl an die „neuen Kanäle“ herangetreten oder das Web 2.0 und dessen Beschleunigungspotential werden immer noch unterschätzt.

So haben die Mitarbeiter von Ryanair wohl für ein paar Momente vergessen, dass sie sich in der Öffentlichkeit bewegen als sie einen Blogger beschimpften, der auf einen Fehler beim Buchungsvorgang hinwies und diesen mit Screenshots belegt hatte. Ryanair mischte sich in die Diskussion und beschimpfte den Blogger als Lügner und Idiot. Wie gut, dass der Ryanair-Sprecher abschließend – sinngemäß übersetzt – mitteilte, dass es „nicht zur Firmenpolitik gehört, Zeit und Kraft für „idiot bloggers“ zu verschwenden.“ Bleibt nur zu hoffen, dass verfügbare „Zeit und Kraft“ nach diesem Vorfall in eine Social Media Policy für die Mitarbeiter verwendet wurden.

Wenn die Mitarbeiter der amerikanischen Fastfoodkette Domino´s Pizza eine Social Media Policy gehabt hätten, dann hätten sie wahrscheinlich dreimal überlegt, ob sie wirklich einen Film auf Youtube hochladen, der dokumentiert, wie sie sich Käse in die Nase stopfen und dann auf der Pizza verteilen. Titel des Films: „In fünf Minuten liefern wir das aus, und jemand wird es essen.“ Von den Klickraten des filmischen Leckerbissens können manche Werbefachleute nur träumen: Eine Millionen Abrufe innerhalb von drei Tagen.

Aber nicht nur bei den Mitarbeitern, selbst in höheren Firmenetagen können Nachhilfestunden in Web 2.0 Umgangsformen nicht schaden. Auch der Sportausrüster Jako hat erfahren, wie es sich anfühlt wenn Kommunikation außer Kontrolle gerät. Trotz Einsicht und Löschung des Artikels, der Streitgegenstand war, hat Jako den Blogger und Zeit-Redakteur Frank Baade verklagt. Ob das die feine englische deutsche Art ist oder nicht, kann diskutiert werden. Aber eine erneute Zahlungsaufforderung nach dem Erscheinen von Teilen des ursprünglichen Textes in einem unbekannten tschechischen Nachrichten-Aggregator ist eine äußerst bedenkenswerte Vorgehensweise. Auch in diesem Fall wurden in über 1.000 Twitter-Beiträgen und mehr als 100 Blogs das Vorgehen von Jako diskutiert. Bis die Diskussion schlussendlich in Artikeln auf Spiegel Online, sueddeutsche.de und handelsblatt.de die breite Masse erreichte. Wer jetzt nach „Jako“ googelt erhält direkt nach dem Webauftritt des Unternehmens jede Menge negativer Ergebnisse angezeigt. Den ursprünglichen Blogeintrag haben übrigens nur ca. 400 Menschen gelesen.

Für Alle, die noch einmal auf einen Blick sehen möchten, was 2009 in den Social Media Bereichen der Kommunikationsabteilungen schief gelaufen ist, haben wir hier eine kurze Zusammenfassung von Online-PR-Skandalen recherchiert. Seit gestern läuft die Abstimmung, wer der „Web 2.0 Aufreger des Jahres war„. Unsere Übersicht inklusive der Entwicklung der letzten Jahre könnt ihr euch hier herunterladen (Stand: Oktober 2009).

Mein Favorit, der bei der Umfrage derzeit leider noch ganz hinten rangiert, sind die Twitter-Meldungen bei den Landtagswahlen in Saarland, Sachsen und Thüringen, die bereits vor Schließung der Wahllokale detaillierte Hochrechnungen veröffentlichten. Über welchen PR-Skandal im Web 2.0 habt ihr in 2009 am heftigsten den Kopf  geschüttelt?