Der Digitale Graben

Bei den Glockenbachgesprächen zum Thema „Terraforming the internet“ stellte man sich jüngst die Frage, welche Auswirkungen die sozialen Medien auf uns und unser Kommunikationsverhalten haben. Im Publikum zeigte sich – nach der Eröffnungsfrage „Weiß eigentlich jemand NICHT was Social Media ist?“ – deutlich der so genannte „Digitale Graben“ zwischen „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“ (zwei Begriffe, die bereits 2001 von Marc Prensky geseedet wurden). Das Podium staunte nicht schlecht, ob der zahlreichen sich in die Höhe streckenden Hände. Es wurde viel an den Steilhängen der „künstlichen Identitäten“ diskutiert, um dann schließlich gemeinsam den Abstieg zur Talsohle des Grabens, dem Begriff der Freundschaft und dem Wert eines Freundes auf Facebook im Vergleich zu einem „echten“ Freund, zu wagen. Und während man den „Digital Immigrants“ – welche deutlich in der Überzahl waren – so zu hörte, kam einem dann doch oft der Gedanke: Gibt es Menschen denen sich Social Media und User Generated Content nie wirklich offenbaren werden, weil sie – und diese Verkürzung sei hier gestattet – zu alt dafür sind? Alles also eigentlich nur eine Frage des Alters?

Eher eine Frage des Blickwinkels. Denn entweder ist die aktuelle Veränderung des Internets Auslöser einer weitreichenden gesellschaftlichen Veränderung oder aber – und diese Frage ist eigentlich die interessante – das Internet folgt einem sozialen Trend der schon lange vor WWW und E-Mail begonnen hat. Handelt es sich daher wirklich um einen digitaler Graben oder nicht viel mehr um eine gesellschaftliche Verwerfung, die von American Idol über BigBrother bis hin zu Deutschland sucht den Superstar oszilliert und letztlich ihren Höhepunkt in den aktuellen Entwicklungen rund um Social Media findet?

Fragen über Fragen. Und so wenig Antworten. Und dabei fing alles so harmlos an, als Anfang der 1980er drei kleine Buchstaben sich daran machten, die Welt zu verändern: MTV. Plötzlich gab es eine Plattform, zunächst nur für bereits arrivierte Stars und Sternchen, später jedoch auch immer mehr für den klassischen Normalo. Jedem seine „60 seconds of fame“ – ein Anspruch dem auch seit Ende der 1990er Reality-TV Formate wie BigBrother geschuldet waren. War man zunächst noch sicher, dass sich diese Form der Unterhaltung nicht wirklich durchsetzen würde, muss man hier – nach der mittlerweile achten Staffel von Popstars – unumwunden zugeben, dass der Wunsch nach Selbstverwirklichung und die Sucht nach Selbstdarstellung Oberhand gewonnen haben. Sozialer Status durch mediale soziale Relevanz sozusagen.

Das „Gefällt mir“-Prinzip. In genau in diese Kerbe schlagen Social Media Plattformen: Hier kannst du dich ausleben. Hier kannst du sein, wer du sein willst. Und noch besser: du kannst dies auch allen deinen Freunden offenbaren. Jahrzehntelang wurde uns also eingetrichtert: Verwirkliche dich, schnapp dir deinen Ruhm und greif nach den Sternen. Plattformen wie Facebook, YouTube, Twitter und andere bieten diese Möglichkeit praktisch jedem von uns und verteilen Relevanz und Bedeutung quasi-demokratisch nach dem „Gefällt mir“-Prinzip. Während man früher zumindest ein Mindestmaß an Talent oder Inspiration mitbringen musste, um relevant zu werden, ist in einem Social Network prinzipiell mal jeder relevant. Sogar die Beschreibung deines Mittagessens wird durch die sehr einfache Kommunikationsmechanik (schreiben, veröffentlichen, zurücklehnen) mit einem Null-Aufwand zum Ausdruck deiner gesellschaftlichen Relevanz und führt zu einer – zumindest gefühlten und virtuellen – Steigerung deines sozialen Status.

Hierin, in diesem beinahe zufälligen Aufeinandertreffen von technologischer Potenz und sozialem Drang zur Selbstdarstellung liegt der wahre Grund für den Erfolg von Social Media begründet. Die damit einhergehenden Veränderungen und ihre Auswirkungen – seien sie nun unangenehm (z.B. für Verlage und Medienhäuser), interessant (für Diskussionrunden in einem Münchner Bürgerhaus) oder einfach nur global präsent (für uns alle) – sind damit zu einem sich selbst erhaltenden Prozess geworden. Gefüttert von unseren Egos und getrieben von Technologie.