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„Wir haben online so viele Freunde, dass wir ein neues Wort für die echten brauchen.“ Treffender konnte es die Welt Kompakt in ihrer aktuellen Werbung wohl nicht bezeichnen! Denn was bedeutet schon „Freundschaft“ auf Facebook und Co? Kumpels, ferne Bekannte oder wirklich fremde Menschen, die man nur added, um mit möglichst vielen Kontakten prahlen zu können? All diese Menschen als Freunde zu bezeichnen ist genau so, als würde man Äpfel und Schokolade als „gesund“ betiteln. Beim einen trifft´s zu – beim anderen ist es maßlose Übertreibung.

Was ist Freundschaft? Wikipedia – der Alleswisser 2.0 – definiert Freundschaft so: „Freundschaft bezeichnet eine positive Beziehung und Empfindung zwischen Menschen, die sich als Sympathie und Vertrauen zwischen ihnen zeigt. […]Freundschaft beruht auf Zuneigung, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung.“

Vertrauen, Wertschätzung, Zuneigung. So, so. Ich glaube nicht, dass man für jeden seiner Online-Freunde das empfindet. Ein Großteil versauert doch in der Freundesliste ohne verfolgt zu werden. Cameron Marlow, Statistiker bei Facebook, hat herausgefunden, dass Männer durchschnittlich nur sieben „Freunden“ folgen, Frauen immerhin zehn. Allgemein heißt es, dass acht Prozent der Freunde aktiv verfolgt werden, mit vier Prozent „nur“ oberflächlich kommuniziert wird und schüchterne zwei Prozent wirklich wahre, enge Freunde sind. Der überwältigende Rest (immerhin 86 Prozent) ist einfach nur da.

Kontakt mit "Freunden" im Web 2.0

Marlow´s Analyse hat zudem ergeben, dass weltweit 175 Millionen aktive Nutzer knapp drei Milliarden Minuten auf Facebook verbringen – das sind 102 Sekunden pro User pro Tag. Und durchschnittlich hat jeder Facebook User 120 Freunde. Das heißt, man benötigt maximal 0,85 Sekunden pro Freund und Tag, um Freundschaften zu „pflegen“. Respekt! Das ist wahre Freundschaft.

Robin Dunbar, ein englischer Psychologe, ermittelte 1993 die Dunbar-Zahl: 150. Das ist angeblich die maximale Anzahl an Freunden, mit denen wir eine enge und dauerhafte Freundschaften führen können. Heute liegt man mit 150 Freunden im Web 2.0 im unteren Mittelfeld. Viele Facebook-User haben eine vierstellige Freundesanzahl – von Followern auf Twitter ganz zu schweigen. Und auf Dauer sind diese Freundschaften 2.0 auch nicht unbedingt angelegt – da wird ein Freund so schnell wieder entfernt, wie die Anfrage angenommen wurde. Profile werden von „Freunden“ besucht, für die die Bezeichnung „ferner Bekannter“ schon ein Kompliment wäre. „Freunde“ verstauben wie alte Akten in den Freundeslisten. Und Fremde werden zu Freunden, obwohl man sie nicht einmal vom Hören-Sagen kennt.

Viele Social Media User werden sogar richtig unvorsichtig, was das Adden von neuen Freunden betrifft. Es wird einfach jede Freundschaftsanfrage angenommen, egal ob man ihn/sie kennt. Andere gehen aktiv auf Freundesfang und klicken sich wie verrückt durch fremde Profile – nur um die Anzahl der Freunde auf ein Maximum zu pushen. Und so passiert es dann, dass Fremde den vollen Einblick in die Privatsphäre erhalten (wenn man sein Profil nicht entsprechend abgeschirmt hat). Kein Wunder, dass bei dieser Leichtsinnigkeit Fakeprofile wie Pilze aus dem Boden schießen mit einer einzigen Absicht: empfindliche Daten zu stibitzen. Und dann ist das Geschrei groß, obwohl man doch selbst so sorglos mit seinen neuen „Freunden“ umgeht. Der Antiviren-Software-Hersteller Sophos hat getestet, wie unvorsichtig User mit ihren Profildaten umgehen:

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Freunde – das waren einmal Menschen, mit denen ich durch dick und dünn gehen konnte/wollte. Ein Haufen verrückter Hühner, mit denen ich Spaß haben und über Insiderwitze lachen mochte. Und viele tröstende Schultern, wenns mal nicht so rosig aussah. Will ich jetzt mit meinen Facebook Freunden lachen, weinen oder Pferde stehlen? Ähm, nein. Na gut, vielleicht noch lachen, aber danach hört sich der Spaß auch schon wieder auf. Immer diese Selbstdarstellung. Im Zentrum steht oft nur noch das Ego und wie man es poliert bis es funkelt und glänzt. Keine freundschaftlichen Zweisamkeiten und gemeinsame Erlebnisse. Und das ist doch eigentlich das, was eine Freundschaft ausmacht oder ausgemacht hat.

Natürlich kann man „Freunde“ auf Social Media Plattformen noch in Listen einsortieren: „mag ich“, „mag ich vielleicht“, „mag ich gar nicht aber muss ich“. Aber, hallo?! Freunde sortieren – geht’s noch? Ich würde doch auch nicht zu einer Arbeitskollegin sagen: „Ach du, du bist übrigens auf Rang 14.329 meiner Freundesliste“. Da wär´ die Freundschaft auch schon wieder vorbei …

So wie sich die Bedeutung von Freundschaft durch Social Media verändert, so muss auch ein neuer Begriff her – wie wär´s mit „Kontakte“ oder „Leute“ – nicht mehr und nicht weniger. Oder aber – in Zeiten der Selbstdarstellung – vielleicht sogar „Publikum“? Was meint ihr?