Berlin Mitte, Friedrichstadtpalast, April 2010. Blockierte Funkzellen, instabiles W-Lan und intellektueller Input bis in die späten Abendstunden. Klingt nach …? Richtig: re:publica.

re:publica 2010 Logo (Quelle: re-publica.de)

Mit über 2.500 Besuchern und mehr als 120 Vortragenden hat die 2010 Ausgabe der Blog- und Social Media Konferenz re:publica alle eigenen Rekorde in den Schatten gestellt. Leider führte dies – wie bereits 2009 – dazu, dass die zahlreichen Blogger und Echzeitwebber mehrfach vor verschlossenen Netzwerk-Türen standen. Offline sein auf einer Konferenz rund um’s Online-Leben? Nur scheinbar ein Paradoxon.

Schon das Leitthema der Konferenz „now here – nowhere“ spielte mit dem Konflikt zwischen allgegenwärtiger Öffentlichkeit und Aktualität und den Auflösungstendenzen bestehender Strukturen, Staatlichkeiten und Lebensillusionen. Was dabei die Illusion und was die Realität ist, dieser Frage nahm sich unter anderem auch Prof. Peter Kruse in seinem Vortrag an, der vielen Konferenzteilnehmern sicher lange in Erinnerung bleiben wird.

Prof. Peter Kruse auf der re:publica 2010 (Quelle: Mario Sixtus http://www.flickr.com/photos/sixtus/4528351303)

Prof. Peter Kruse auf der re:publica 2010 (Quelle: Mario Sixtus auf Flickr)

Kruse hat sich eindringlich dem Kern der Diskussion genähert, bevor sie überhaupt los ging: Wie verändern Netzwerke unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft? Das Social Web verglich er treffend mit einer „Lawine die zu Tal donnert“ und eigentlich nur noch durch völlige Zerstörung gestoppt werden könnte. Wir wollen es nicht hoffen! Die allgegenwärtige Krise der Medienkompetenz (quer durch alle Altersgruppen), die Datenschützler die nur noch im Stand rotieren und die Auflösung unserer menschlich-existenziellen Unberechenbarkeit zu Gunsten eines unnatürlich determiniertem Daseins beschäftigte bis zu letzt die versammelte Meute und gipfelte in Miriam Meckel’s Vortrag „This object cannot be liked“.

Miriam Meckel auf der re:publica 2010 (Quelle: Mario Sixtus auf Flickr)

Und auch auf einer Meta-Ebene war die Konferenz wirklich Themen setzend. Allein die Menge der verfügbaren Sessions, Vorträge und Workshops hat – wohl nicht nur bei mir – fast ständig die Frage stehen lassen: „Habe ich gerade was wichtiges verpasst?“ Eine Dilemma das uns alle – auch durch Social Media – täglich vor neue Herausforderungen stellt: Wie können wir das Echtzeitweb nutzen, ohne ständig etwas zu verpassen? Gibt es denn überhaupt noch ein „Slow Web“ oder leben wir mittlerweile alle im ständigen „Fast Forward“ Modus? Und was passiert wenn wir uns vom Realtime-Network auch die Zeit zum Grübeln und kreativ Spinnen nehmen lassen. Was bleibt dann noch? Wohl nur ein sich selbst verblödendes System, dass uns alle in Stumpfsinnigkeit aufsaugt.

Alles in allem, ist die re:publica einmalig auf dieser Welt. Denn der intellektuelle Input und der beinahe philosophische Austausch zu Themen die noch lange nicht in aller Tragweite erfasst werden können ist ein geradezu unumgängliches Gegengewicht zur alltäglichen Auseinandersetzung mit Facebook, Twitter, Blogs & Co. Und fast möchte man meinen, dass das mangelhafte Wireless Lan und die ständige Unterversorgung mit Netzwerkverbindungen eine Botschaft der Organisatoren war: Gehet offline und denkt!