Es ist die fünfte re:publica und es ist eine re:publica ohne konkretes Dachthema. Ist auch irgendwie schwierig bei 5 Subkonferenzen mit entsprechend vielfältigem Angebot (co:funding, re:design, re:play, re:open, re:learn). Und wenn man dennoch ein Dachthema suchen möchte, dann ist es wohl diese Vielfalt.

Die re:publica ist politisch, und das will auch niemand verschweigen. Mein persönlicher Eindruck: die fünfte Konferenz der digitalen Bohéme ist auch kommerziell. Das ist nicht notgedrungen etwas schlechtes. Immerhin sind gerade wir – die Digital Natives – die stärksten Verfechter einer vernetzten Gesellschaft. Und diese Vernetzung darf eben auch vor der Wirtschaft nicht halt machen.

Nach dem ersten Konferenztag ist man jedoch – und das geht aus zahlloses Tweets hervor – vielfach enttäuscht. Warum? Da gibt’s zu wenig neues, heißt es. Zu wenig Innovation, zu wenig Konsequenz. Nun, Ihr kennt sicher die Spruch vom „Jammern auf hohem Niveau“, richtig?

Den Wald vor Bäumen nicht sehen.

Unsere Zeit ist so voll von Innovation, dass es manchen Beobachtern wohl schwer fällt, ihre Tragweite abzuschätzen. Wir sind umgeben von Buzzwords (im Falle von Augmented Reality sogar im wahrsten Sinne des Wortes) und die re:publica bietet uns die Chance, einen Schritt zurück zu machen und zu sehen: Hey, wir sind an einem Punkt in der menschlichen Entwicklung angelangt, an dem das Neu-Schaffen und Neu-Entwickeln nicht unbedingt die zentralen Herausforderungen darstellen.

Wer sich jemals das umfangreiche Programm dieser Konferenz angesehen hat, merkt sofort, worin die wirkliche Herausforderung unserer Zeit besteht: Filtern! Der Anwendung verschiedenster Mechanismen zur Analyse und Aggregation von Daten, Sprache, Information. Einige Menschen nennen das Medienkompetenz. Ich nenne es: die Grundkompetenz des digitalen Menschen.

Das Internet ist … die Realität.

Die diesjährige re:publica zeigt, dass das Internet kein abstrakter Begriff mehr ist. Ein gewaltiges Netzwerk, von Menschen geschaffen, das langsam beginnt, aus sich selbst heraus zu existieren. Mit eigenen Regeln und eigenen Revolutionen. Nur wer die zur Verfügung stehenden Technologien auch anwenden kann, hat die Möglichkeit sie für etwas gutes (oder eben gegen Unterdrückung, Verfolgung und Ungerechtigkeit) einzusetzen. Nur wer seine eigene Rolle als Individuum innerhalb eines Netzwerks wirklich versteht, wird die Möglichkeit haben, über den Begriff der Privatsphäre hinauszutreten und Öffentlichkeit für sich selbst zu nutzen. Darin besteht die große Chance und auch die Essenz von „Social“.

Bleiben Sie bitte entspannt!

Der re:publica mangelnde Innovationskraft vorzuwerfen, heißt auch, zu vergessen, wie viele Innovationen wir mittlerweile als selbstverständlich nutzen, wie viele Innovationen diese Konferenz überhaupt erst ermöglichen. Und ob es nun um Gamification, Augmented Reality, Datenvisualisierung, Redefinition von Öffentlichkeit oder Content Policing geht … die Verantwortung der Innovation lastet auf jedem von uns und nicht auf einer einzelnen Konferenz. Die Verantwortung entspannt zu bleiben und mit all den coolen, geekigen und nerdigen Dingen die uns bereits umgeben, endlich etwas anzufangen, das uns weiter bringt und wirkliche Innovation ermöglicht.

Life is a remix, baby!

Die diesjährige re:publica hat eine elementare Botschaft: nimm was du findest, reiss es auseinander, setze es neu zusammen und zeig uns und der ganzen Welt was du hinzugefügt hast. Und wer dann trotzdem das Gefühl hat, er käme nicht zu Wort oder seine Meinung wäre in diesem Rahmen unterberücksichtigt, dem sei – frei nach Sascha Lobo – gesagt: „Ihr seid zu doof oder zu leise!“ Die re:publica beschäftigt sich mit der Gegenwart, das kann man ihr tatsächlich vorwerfen. Aber die Zukunft ist eben keine Sache einer Konferenz, sie ist eine Sache von Geduld und Ausdauer. Die re:publica zeigt nur einen Teil dessen, was das Internet heute ist. Auch das kann man ihr vorwerfen. Aber das Internet sind alle. Wir sind die Urheber und wir haben die Verantwortung.