Die re:publica sei dieses Jahr weniger exzessiv als in den vergangenen Jahren. Ein vernichtendes Statement, ausgerechnet auf einer Konferenz unter dem Titel „ACT!ON“. Während die Dame, deren Worte ich mir hier ausgeliehen habe, dies wohl eher auf die Abendveranstaltungen und das Nachtleben der Nerds in Berlin bezogen hat, lässt sich mangelnde Exzessivität auch anderweitig testieren.

Das mag zum Einen an der schieren Größe liegen. Flächenmäßig ausgedehnt auf 20.000m², hat man erstmals auf einer re:publica das Gefühl von mehr Platz als Menschen. Mit einem erneut ausgeweiteten Programm von weit über 200 Sessions und Tracks, sind der Exzessivität auch inhaltlich Schranken durch Erschöpfung, Überforderung und streckenweise überraschende Langeweile bei Speakern und Publikum auferlegt. Zum Anderen mag aber auch grundsätzlich und thematisch der Funken in diesem Jahr nicht so recht überspringen.

re:signation

Es scheint, als sei dem Großteil der anwesenden Netzpeople durchaus bewusst, dass die hier diskutierten Inhalte kaum bis gar keine Relevanz für einen Großteil der Restbevölkerung (mehr) haben. Ja, nie hatten. Sascha Lobo brachte es treffend auf den Punkt: „Das Urheberrecht interessiert deine Mutter. Nicht.“ Gamification, Self-Publishing, Netzpolitik und Mediennutzungsverhalten sind Begriffe zu denen der durchschnittliche Internetuser und vor allem die 30 Millionen Bundes-Nicht-Nutzer wenig bis gar keinen Bezug haben. Es interessiert sie. Nicht.

Das Schisma zwischen Digital Natives und Digital Irgendwem wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, dass auch das Publikum der re:publica zunehmend älter wird, und der Nachwuchs fehlt. Die heute 10- bis 14-jährigen nutzen YouTube, Facebook & Co. Sie nutzen die Tools sogar massiv. Doch was dahinter steckt, welche unser aller Grundfreiheiten z.B. durch Acta und die Vorratsdatenspeicher-Richtlinie global-politisch zur Diskussion stehen, findet in ihren Streams und Feeds nicht statt. Und der Nachwuchs wiederrum findet auf der re:publica nicht statt.

Der breiter werdende digitale Graben ist Gegenstand so mancher Diskussion zwischen einzelnen Konferenzbesuchern, doch anschließend zuckt man mit den Schultern und quittiert: „Was soll‘s? So ist das eben.“ Man spürt eine deutliche Entfremdung zwischen den Themen, ihren Diskutanten und denen, die davon eigentlich betroffen sind oder sein sollten. Es wird Zeit, den Sinn einer elfenbeinturmenen Konferenz grundlegend zu überdenken.

re:open

Denn wenn die Konferenz heute Abend endet, werden die Nerds und Natives wieder heimkehren und dann …? Ja, was eigentlich? Das Motto der diesjährigen Konferenz lautet „ACT!ON“. Es wird Zeit für Aktionen. Aktivitäten im Hier und Jetzt, die auch all jenen, die nicht die Möglichkeit haben eine dreitägige Konferenz zu besuchen, ja, vor allem jenen, die von dieser Konferenz noch nicht mal etwas mitbekommen, vor Augen führen, wo sich unsere Welt hinbewegt; warum das Netz gut ist und warum freie Information, unendlich teilbare Inhalte und die Möglichkeiten zur uneingeschränkten Selbstveröffentlichung besser sind, als dröges Absitzen der eigenen Lebenszeit.

Nach meinen doch eher passiven Nachrufen auf die re:publica 2010 und 2011, möchte ich diese Stelle nutzen, einen Apell zu starten, das Schisma zu überwinden. Vernetzt euch mit den Speakern, shared die Sessions und Inhalte, erzählt die Geschichten und bringt die Menschen zusammen. Auch jene, die nicht in Berlin waren. Gerade wir, die wir mit Technologie aufgewachsen sind, wir, die Technologie zum Frühstück, Mittag und Abendbrot konsumieren, müssen das Netz endlich wieder zur Integration nutzen. Lasst die re:publica nicht einfach enden, sondern nehmt sie euch zum Auftrag. Macht relevant, was Relevanz haben sollte. Geht also raus und interessiert. Eure Mütter.