Zero Dollars

Wer kennt sie nicht, die lustigen Ketten-Mails die uns suggerieren, dass ohne unsere aktive Mithilfe beim Spammen, die Betreiber von Social Networks oder Communities leider, leider gezwungen sind für ihre Dienste Geld zu kassieren?

Hallo,
Das Team von MeinBook hat lange gekämpft, aber wenn wir nicht alle mithelfen, wird MeinBook ab 1.1.2010 kostenpflichtig. Leite diese Nachricht daher an möglichst viele deiner Freunde weiter, damit wir auch nach dem 1.1. MeinBook kostenlos nutzen können.
Liebe Grüße
Lieschen Müller

Man stelle sich vor: Facebook, MySpace und Co. würden von ihren Usern – von uns – Geld verlangen. Moneten. Richtige Penunzen! Die meisten Opfer solcher Kettenbriefe verfahren damit sicher richtig und schieben die Nachricht zielgerichtet in Richtung Papierkorb. Einigen gibt das jedoch zu denken. Warum sind Social Networks – von manchen, durchaus erfolgreichen Ausnahmen (wie z.B. Xing) mal abgesehen – eigentlich kostenlos?

Nun, sie sind nur kostenlos für ihre User. Unternehmen die sich dieser Kanäle bedienen wollen, müssen durchaus in ihre Taschen greifen und für Werbung in allen ihren Formen zahlen. Keine Regel ohne Ausnahme. Und so stellt sich schon länger die Frage (beispielsweise im Rahmen der kürzlich in München abgehaltenen Medientage), wie man auch bei den Usern mal ordentlich in die Tasche langen und sich so noch einen weiteren Geldzufluss erschließen könnte. Worüber wurde nicht alles diskutiert: Freemium Modelle, Abos, virtuelle Güter und Geschenke, etc. pp.

Das kommt einem doch alles sehr bekannt vor.

Verlage und Publizisten auf dem gesamten Planeten plagen sich seit mittlerweile fast einem Jahrzehnt mit der Tatsache, dass ihnen ihre traditionellen Geschäftsmodelle nicht mehr länger die Kassen voll spülen wollen. Eine interessante Analyse dieser Misere liefert aktuell die FTD. Verlage haben viele Jahre an allen Ecken und Enden des publizistischen Produktionsbetriebs mitverdient: von der Produktion des bedruckten Papiers, über die zahlungswilligen Leser, bis hin zur Vermarktung von Anzeigenflächen an mehr oder weniger motivierte Unternehmen. Doch sie fußen ihr Geschäftsmodell auf einem fatalen Trugschluss. Nämlich dem, dass die Leser vermeintlich auch für die Produktion des Contents zahlen. Das tun sie nämlich nicht. Haben sie auch nie.

Social Networks und Communities – Social Media Plattformen im Allgemeinen – sind hier im Vorteil: ihr Geschäftsmodell hat sich nie wirklich um die Zahlungen durch User gekümmert. Diese stellen einen angenehmen Nebeneffekt dar, werden jedoch die Einnahmen aus dem Verkauf von Werbung auf kurz oder lang kaum ersetzen können. Denn bei Social Media unterliegen wir – die User und Benutzer – einem grundlegenden Irrtum.

Wirklich kostenlos?

Ohne es zu merken zahlen wir alle – vom Moment des ersten Logins, bis zum Löschen eines Profils – unbemerkt für die Nutzung dieser Services. Zugegeben, wir bezahlen nicht mit Geld. Wir bezahlen mit etwas viel wertvollerem: mit unserem Privatleben. Je mehr Privatsphäre geteilt wird, um so effektiver funktioniert ein Social Network. Jede zusätzliche Möglichkeit zum Teilen von Gedankenfetzen, Inhalten und Privatem entspricht am ehesten einer weiteren Konsumverlockung. Hören wir auf uns wie verrückt über alles und mit jedem auszutauschen, entziehen wir damit dem Social Media Bereich auch seine Existenzberechtigung. Nun sind wir alle Egomane genug, um dies nicht zuzulassen. Daher wird Facebook nie kostenpflichtig werden. Es ist bereits kostenpflichtig: Es kostet uns unser Privatleben.

Anstatt weiterhin dem Fiebertraum von „Paid Content“ atemlos hinterherzulaufen, sollten sich klassische Medienhäuser also Gedanken darüber machen, was sie vom Modell „Social Media“ lernen können. Einen Vorschlag hält – es geschehen noch Zeichen und Wunder – sogar die FTD selbst bereit: Verlage sollten das Geschäft mit neuen Verbreitungswegen (beispielsweise E-Paper, E-Book-Reader, etc.) nicht kampflos Unternehmen wie Apple, Sony oder Amazon überlassen. Denn wer das Medium (das wirkliche, physische und tangible Medium) kontrolliert, kontrolliert auch die Einnahmen. Auch hier haben Social Networks bewusst oder unbewusst bereits einen richtigen Schritt getan. Sie sind zum legitimen Kanal für alle Arten digital verfügbarer Kommunikation geworden.

Sind klassische und soziale Medien also gar nicht so weit voneinander entfernt, wie allgemein vermutet wird? Hat das Leid der einen, mit dem Erfolg der anderen zu tun, und könnte die gedeihliche Entwicklung dieser auch von Nutzen für das Überleben jener sein? Für beide Seiten liegen im Erkennen dieses Zusammenhangs noch viele ungenutzte Potenziale verborgen.