Vergangene Woche ging ein Erdbeben durch die internationale Social Media Szene: Twitter und Facebook wachsen nicht mehr. Während einige bereits den Untergang der Social Media Plattformen erahnen (und sich diesen wohl auch wünschen), kann man die Zahlen auch einfach als das Ankommen der Social Networks im Mainstream erklären.

Nicht jeder Mensch auf dieser Welt besitzt ein Handy. Nicht jeder Bewohner des Planeten hat ein Auto. Es wäre also sicher auch vermessen, eine 100%ige Penetration der Menschheit durch Social Networks zu erwarten. Das wird nicht passieren. Dennoch … eine Stagnation der Wachstumsraten gibt einen Hinweis darauf, dass Social Networks langsam eine Größe erreichen in der sich auch in einer ehemals spitzen und innovativen Medienwelt die schleichenden Altersflecken des Mainstream breit machen.

Daher war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis sich kluge Köpfe dies- und jenseits des Atlantiks Klassifizierungssysteme und Typologisierungen überlegen, mit denen vergleichbar gemacht werden soll, was gar nicht vergleichbar ist: individuelle Charaktere und Persönlichkeiten.

Die Versuche unterschiedliche Nutzer auf diversen Social Media Plattformen und im so genannten (und bis auf weiteres noch immer nicht besonders greifbaren) Web 2.0 in Gruppen zusammenzufassen und zu klassifizieren, nehmen bis weilen sonderbare Formen an. Bereits vor einigen Monaten geisterte ein Venn-Diagramm durch die Netzwelt das zwischen den Dimensionen der Albernheit, Besessenheit und Intelligenz die drei Typen Dweeb, Dork und Geek identifizierte. Am Schnittpunkt zwischen Schwachkopf, Idiot und Streber manifestiert sich demnach der Nerd als ultimative Kernzielgruppe von Social Networks.

Nerd Venn-Diagramm

Nerd Venn-Diagramm

Nun ziehen die ehemals klassischen Medien nach und legen mit der Studie „Online- und Offline Verhalten der Generation 2.0“ (PDF) ihre eigene Typenbeschreibung vor. Traue keiner Statistik die du nicht selbst geschönt hast, lautete schon vor Jahren ein geflügeltes Wort. Der Verdacht liegt nahe, dass auch hier nach einem gewissen Schema Traumvorstellungen von der amorphen Masse „Web 2.0 User“ in eine pseudowissenschaftliche Untersuchung gekleidet und dem Werbevolk verkauft werden sollen. Stefan Winterbauer hat die in der Studie beschriebenen Typen bereits analysiert und seine Erkenntnisse dazu der Blogosphere zur Verfügung gestellt.

Typen von Web 2.0 User anhand der Studie von Burda

Die User-Gruppen des Web 2.0

Werbetreibende, Planer und Targeter können nun also wieder aufatmen: Was sich in Gruppen einteilen und entsprechend klassifiziert beobachten lässt, kann demgemäß auch nicht sonderlich schwer zu erreichen sein. Wir können also die angestaubten Mechaniken und Techniken des letzten Jahrhunderts wieder aus dem Archiv holen und getrost so weitermachen wie vor Facebook & Co.

Können wir?

Wohl eher nicht. Der Studie mangelt es eindeutig an Einsichten. Es werden qualitative Aussagen getroffen, die für die heutige Generation nur noch wenig Relevanz besitzen. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich das hauptsächliche Produktinteresse der so genannten Sehnsüchtigen auf „Stereogeräte und HiFi-Anlagen“ konzentriert. Sehnsüchtig nach Stereogeräten? Hallo?! Wenn dann schon Surround, und wenn dann auch iPod.

Liebe Studien-Ersteller, es wird Zeit, aufzuwachen: Jeder Mensch ist anders, und das ist gut so. Generalisierungen bringen uns nicht weiter, sondern führen uns genau dorthin, wo sich das klassische Marketing und traditionelle Kommunikationsansätze bereits seit Jahrzehnten ausruhen: es wird mit Einheitsbrei nach immer frustrierteren Konsumenten geschossen, die sich nicht länger damit abfinden wollen, dass ihre individuellen Meinungen und Bedürfnisse von Unternehmen einfach unter den Teppich gekehrt werden. Wer sich nicht die Mühe macht, Individualismus anzuerkennen und eben auch individuell darauf zu antworten, hat eindeutig den Zug verpasst.