Wer schon mal während einer Bettromanze vom Klingeln des Handys unterbrochen und mit der Nachfrage des Chefs nach dem Stand der Dinge konfrontiert wurde, weiß, wovon ich spreche: „privat“ und „beruflich“ wachsen immer mehr zusammen. Und zwar in zweierlei Hinsicht: rein zeitlich gesehen, aber auch was die Datenpreisgabe anbelangt. Eine echte Trennung gibt es in vielen (Dienstleistungs-) Jobs nicht mehr. Der NYU-Soziologe Dalton Conley hat dieses schleichende Phänomen jüngst mit der Wortschöpfung „Weisure“ umschrieben. Und damit eine breite Diskussion angestoßen: Ist „Weisure“ ein Tribut an die Zeit, den wir zahlen müssen? Macht uns „Weisure“ auf Dauer kaputt? …

Werfen wir zunächst einen Blick darauf, welches die Treiber für das neue Leben ohne echte Freizeit sind:

  1. Technologien
  2. das Social Web
  3. Leistungsdruck

Internet- und Smartphone-Technologien ermöglichen es, ubiquitär und permanent erreichbar zu sein. Der „9-to-5“-Arbeitstag ist anachronistisch, jetzt zählt „24/7“. Umgekehrt gilt: Man kann große Teile seiner Arbeit örtlich unabhängig erledigen. So liegt auf der Hand, dass – wenn von zu Hause oder sogar im Urlaub gearbeitet wird – die klare Trennung zwischen privater und beruflicher Zeit erodiert. Man agiert quasi hybrid: zwischen beruflichen und privaten Themen.

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Wie sieht's bei Euch aus: Immer erreichbar, rund um die Uhr aktiv?

Ein zweiter Aspekt, welcher das soziale Phänomen „Weisure“ treibt, ist die Verlagerung des beruflichen und privaten Lebens auf ein und dieselben Plattformen im Online-Bereich. Kurz formuliert könnte man sagen: Ein Teil meines Schreibtisches/meiner Projekte ist heute da, wo ich auch meine Freunde treffe: nämlich im Social Web. Beispiel: Facebook. Ursprünglich als rein privates Netzwerk und mit der Grundidee der Vernetzung von Freunden gestartet, ist „Facebook Freundschaft” heutzutage nicht nur anders belegt. Auch die Mehrzahl der Posts, die man von seinen „Freunden“ auf der eigenen Pinnwand verfolgt, haben inzwischen einen Business-Hintergund. Da gibt es Linktipps, Einladungen zu Business-Sites, Terminvorschläge und jede Menge Aktuelles rund um Business-Treffs und Kongresse. Mit waschechtem Privatleben hat das nur noch wenig zu tun. Mal abgesehen davon, dass fast jeder inzwischen über Social Networks auch Kontakte zu Kollegen, Kunden oder Geschäftspartnern pflegt. – Business-Regeln, die den Umgang mit Kunden noch vor einigen Jahren unumstößlich definierten, haben sich mittlerweile umgekehrt: „Don’t do business with friends, and keep those spheres separate“, hieß es, als ich in der Werbebranche startete. Heute lautet die Devise, das eigene Netzwerk, zu dem eben auch Geschäftskontakte zählen, gerade im Sinne des eigenen beruflichen Fortkommens zu nutzen.

Aber ist es nicht absolut notwendig, sein Verhältnis zum Job auch den sich verändernden Wettbewerbsbedingungen anzupassen? Will sagen: Jedes Unternehmen muss sich einer globalen Konkurrenz stellen. Die Produkte sind immer austauschbarer. Die Margen werden immer geringer. Und da zählt nun einmal: „The early bird catches the worm.“ Zeit, Reaktionsschnelle, Flexibilität – das sind doch heutzutage wesentliche Erfolgsfaktoren, oder nicht? – Ja, das ist sicher richtig, betrachtet die Entwicklung allerdings nur aus einer Perspektive. Denn die Gefahr von wachsender Nervosität und Dauerstress durch die permanente Erreichbarkeit ist nicht wegzudiskutieren. Man muss sich ja nur mal umschauen, wie viele Menschen nach Feierabend ihr Smartphone zücken, ohne dass es geklingelt hat. Es könnte ja zwischenzeitlich unbemerkt eine wichtige Mail eingetroffen sein … Oder wie sie reagieren, wenn die Internetverbindung mal abgebrochen ist. – Erholung ist wichtig, Menschen sind keine Maschinen. Das ist keine Floskel, sondern eine Realität, der wir (Workoholics), warum auch immer, nur ungern ins Auge sehen. Weshalb am Ende die Effizienz der Mitarbeiter verloren geht, weil sie ausgepowert sind.

Wir müssen wieder lernen, entweder „on“ oder „off“ zu sein. Denn „stand-by“, das wissen wir von unseren Hausgeräten, verbraucht bekanntlich die meiste Energie.

Die Studie „Social networking and reputational risk in the workplace“ des Beratungsunternehmens Deloitte aus dem Jahr 2009 besagt: Nur jeder dritte befragte Mitarbeiter glaubt, dass dieses neue Selbstverständnis auch tatsächlich seine Work-Life-Balance stärke. Wenn in der Freizeit Social Media bewusst als Arbeitszeit genutzt wird, geht damit aus Sicht vieler Arbeitnehmer auch der Freizeit-Erholungswert verloren. Und:
Viele Arbeitnehmer haben Angst, dass sie, wenn sie nicht 24 h, 7 Tage die Woche und 356 Tage im Jahr erreichbar sind, abgemahnt werden oder sogar den Job verlieren. Ist es also vornehmlich Psychodruck, den wir Arbeitgeber ausüben, welcher die Arbeitnehmer nicht mehr abschalten lässt? Eine suggestiv geäußerte Erwartungshaltung der Chefs, die den Angestellten vermittelt: „Wenn Du einen sicheren Job haben willst, musst Du Dich über Gebühr engagieren“?

Ausgepowert?

Auch Powermenschen sind nicht unverwüstlich. Sie glauben es nur leider zu oft ...

Irgendwo schon, denke ich. Denn der Wille zur Leistung rund um die Uhr hängt sicher auch mit der Position des jeweiligen Menschen zu tun. Und da glaubt der eine oder andere Chefs garantiert, jeder Mitarbeiter müsse mit dem gleichen Enthusiasmus und Engagement zur Tat schreiten, wie er selbst. Alles andere zeige nur, dass der Mitarbeiter sich nicht vollends mit der Firma, seinem Job und seinen Aufgaben identifiziere. – Allerdings: Arbeitsrechtlich besteht keine Verpflichtung für den Arbeitnehmer, während der Freizeit per E-Mail oder Handy für den Arbeitgeber erreichbar zu sein. Anders verhält es sich, wenn eine so genannte „Rufbereitschaft“ vereinbart wurde. In diesem Fall muss der Arbeitnehmer auf Abruf zur „unverzüglichen Arbeitsaufnahme“ in der Lage sein. Das kann im Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder auch mündlich vereinbart werden. Bei vielen ist eine Rufbereitschaft Teil des Jobs, zum Beispiel im technischen Support. Bei normalen Bürotätigkeiten kommt es auf die Art der Tätigkeit und die Bezahlung an. In den Arbeitsverträgen von gut bezahlten Experten sowie Führungskräften kann eine Rufbereitschaft pauschal abgegolten werden.

Aber, wie gesagt: Rufbereitschaft ist eben keine Freizeit. Und selbst wenn das Diensthandy nicht klingelt, lässt es einem häufig keine Ruhe. Wer ständig erreichbar sein muss, fährt nur in den Stand-by-Modus, statt abzuschalten. Der klassische Feierabend fällt damit weg.

Braucht man Regeln oder ein anderes Verständnis dafür, was an Engagement wirklich nötig bzw. erwünscht ist?

Ja, die eine oder andere Vorgabe ist sicher sinnvoll: „Keine Anrufe im Urlaub.“ Und umgekehrt: „Das Laptop bleibt zu Haus.“ Oder verbindliche Regeln für Arbeit abseits des Büro-Arbeitsplatzes: „Schaffen Sie einerseits keine Hindernisse und Schranken hinsichtlich Ort und Zeit der Kommunikation. Fordern Sie als Entscheider andererseits explizit NICHT ein, dass Ihre Mitarbeiter (auch in der Freizeit) permanent erreichbar sind.“ Und was die Preisgabe persönlicher Daten anbelangt: „Fördern Sie ein Bewusstsein dafür, sich im Web nicht zu sehr zu offenbaren, keine Geheimnisse preiszugeben, Grenzen einzuhalten und die eigene Persönlichkeit zu schützen.“

Aber kann es vielleicht auch sein, dass wir uns selber verrückt machen mit der Wahnvorstellung, alles müsse perfekter, noch effizienter, noch produktiver sein: am Ende eben auch unser privates Leben?! Fortschritt ist ja schön und gut, aber sind Wünsche wie „Ich will immer und überall erreichbar sein.“ oder „Können wir nicht nach 21 h skypen, da sind die Kinder im Bett?“ nicht im Grunde nur die letzten Auswüchse eines Lebens, das bereits viel früher nach Effizienzgesichtspunkten gemanaged wird? … Klar: Kinder können schon jede Menge in der Vorschule lernen – warum nicht? … Und neun Jahre Gymnasium, die kriegt man auch in acht Jahren hin. … Warum nicht genau so wie Kühlschränke und Autos leben: extrem energieeffizient?! … Oder so schnurstracks wie ein Navi: kein Meter zu viel. … Ist es Zufall oder nur konsequent, dass ein Handy heutzutage mehr können muss, als ein Schweizer Messer? (Ja, ja, praktisch ist es auch) … Klar, und eigentlich schmeckt Coffee to go ja gar nicht so schlecht (und wie viel Zeit man sich dabei sparen kann – genial!) …

Irgendwie ist mir die Gesamtentwicklung suspekt. Mag sein, dass ich da auch Dinge zusammen bringe, die Ihr trennen würdet (bin auf die Diskussion gespannt!), aber: Ich finde, wir (als Gesellschaft) sollten langsam erkennen, dass uns nicht die Dinge, die uns umgeben, krank machen. Sondern dass wir selbst diese Dinge produzieren! Und „Weisure“ ist da meines Erachtens nur ein Phänomen, an dem das deutlich wird. Oder wie seht Ihr das?