Eigentlich will im Internet ja niemand für irgendwas bezahlen. Da herrscht die „Kostenlos-Kultur“, heißt es ja immer. Worte wie „Kultur-Flatrate“ o.ä. fallen in diesem Zusammenhang häufiger, wenn sich das schlechte Gewissen bei dem Gedanken meldet, dass Künstler ja auch von irgendwas leben müssen. Ein Nachteil der „Kultur-Flatrate“ ist allerdings, dass diese von einem sehr zentralistischen Ansatz ausgeht: nur sehr wenige Leute entscheiden, was unterstützenswert ist und was nicht.

Dass es auch anders funktionieren kann, beweisen einige erfolgreiche Beispiele.

Exkurs Crowdfunding

Crowdfunding – Das ist ein noch ein relativ junges Geschäftsmodell, welches sich in den USA bereits etabliert hat und das Zeug hat, die Kulturlandschaft – auch in Deutschland – nachhaltig zu verändern. Crowdfunding lässt sich in gewisser Weise als die Demokratisierung des Mäzenatentums beschreiben.

Das Prinzip ist einfach: Auf Portalen wie Kickstarter.com, pling.de, visionbakery.de oder mysherpas.de, startnext.de stellt ein Team sein Idee vor und gibt an, wie viel Geld es dafür benötigt und was es seinen Förderern im Gegenzug dafür zu bieten hat. Gefällt einem Internetnutzer die Idee, kann er einen beliebigen Betrag dafür spenden. Ist der Pott voll, wird das Projekt realisiert.

Als Gegenleistung wird der Unterstützer über den Verlauf des Projektes unterrichtet und bekommt – je nach Höhe des gespendeten Betrages – ein Goodie, wie z.B. eine Nennung im Abspann des Filmes, eine Einladung zu einem exklusiven Screening des Film vor dem offiziellem Kinostart oder einen feuchten Händedruck des Regisseurs.

Die größte Motivation für den Konsumenten ist aber selbstverständlich die Möglichkeit, selbst auf die kulturelle Landschaft Einfluss zu nehmen, indem er nur die Projekte unterstützt, die bei ihm den Nerv treffen und die sonst mangels Budget nie hätten produziert werden können. Der Konsument wird zu einem mündigen Teil des Kulturbetriebs.

Vom Konsumenten zum Produzenten: Fan-Dependent Films

Sicherlich – Kreative, die bereits über eine größere Fanbase verfügen, tun sich leichter ein Projekt auf diese Weise zu verwirklichen. Erst kürzlich ist Kultregisseur David Lynch mit „The Lynch Tree Projekt“ in die Riege der Crowdfunder eingestiegen. Ein weiteres prominentes Beispiel ist Bud Spencer, dessen Autobiografie von einer jungen Regisseurin durch dieses Geschäftsmodell verfilmt wird.

Interessant ist, dass sich durch Crowdfunding die Beziehung zwischen dem Konsumenten und dem Produzenten verändert. Da man Geld für ein Projekt ausgibt und sich schon im Vorfeld daran beteiligt, verändert dies die Erwartungen als Konsument. Man wird automatisch zu so etwas wie einem Mitproduzenten, zumindest in finanzieller Hinsicht. Der Künstler fühlt sich durch Crowdfunding motiviert, der Konsument involviert.

Was früher der Independent-Film gewesen ist, ist heute der „Fan-dependent Film“. Um Profit geht es bei den „Fan-dependent Film“ bislang nicht – eher darum Liebhaberprojekte überhaupt umsetzen zu können.

Nicht bei Filmen.

Auch in andere Branchen gibt es Plattformen, die auf Crowdfounding setzen:

Seit die Musikindustrie auf dem Zahnfleisch geht, suchen Musik-Bands intensiv nach neuen Finanzierungsmethoden – und entdecken Crowdfunding als innovative Alternative der Geldbeschaffung. Pledge Music ist ein seit gut einem Jahr existierendes Unternehmen, bei dem das Konzept aufgeht: 77 Prozent ihrer Künstlerkunden erreichen ihre finanziellen Ziele, nämlich eine Platte zu produzieren oder auf Tour zu gehen. Künstler wie Patrick Wolf oder Public Enemy veröffentlichten auf diese Weise schon ihr letztes Album. Als Gegenwert bekommen die Fans z.B. private Songwriting-Workshops.

Ein ganz ähnliches interessantes Phänomen ist z.B. flattr, eine in Deutschland extrem erfolgreiche Social-Payment-Plattform, die letztendlich auch zum Crowdfunding-Bereich gehört. Dort unterstützt man Inhalteproduzenten im Internet, die beispielsweise einen kostenlos abrufbaren Blog betreiben, mit kleinen Geldbeiträgen.

Langfristig ist Crowdfunding auch in Deutschland ein heißes Thema. Denn hier ist die Finanzierung von Kulturprojekten bislang noch stark institutionalisiert. 90% aller Kulturausgaben des Landes, also etwa acht Milliarden Euro pro Jahr übernimmt der Staat. Scheinbar ist es den Deutschen lieber, Kultur indirekt durch Steuern zu unterstützen. Die Prüfung von Projekten durch staatliche Stellen ist für viele außerdem eine Art Seriösitätsstempel.

Doch möglicherweise ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Kinopublikum nicht mehr nur das guckt, „was halt eben so läuft“, sondern aktiv eingreift. Durch Investitionen in kleine Aufsteiger, deren Ideen sie persönlich berühren.

Markus Okur, Social Media Trainee und webguerilléro