Mitte Dezember, jetzt ist wieder die Zeit, in der die Fernsehsender ihre Jahresrückblicke ausstrahlen. Kerner, Jauch, Beckmann mit Menschen, Bildern und Sensationen. Gibt’s eigentlich auch einen Jahresrückblick für die deutschsprachige Blogosphäre? Ich habe gesucht, aber lange keinen gefunden. Bis vorgestern, als Bernd Graff in der Süddeutschen vom Wochenende sein persönliches Fazit zog: „Das Internet verkommt zu einem Debattierclub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten.“ – Wenn diese Provokation mal kein Anlass ist, ein paar Fragen als Ausblick auf das Blogjahr 2008 zu wagen:

Sind Blogger die besseren Journalisten?

Selbstverständlich, das gilt insbesondere für Blogger, die gleichzeitig auch Journalisten sind. Bloggende Journalisten definieren sich – nicht nur im persönlichen Kontakt – mittlerweile mehr über ihren Blog als über das Medium, für das sie arbeiten. Warum? Weil sie in Ihrem Blog nicht nur mit Kürzel signieren dürfen? Oder weil Ihnen der Blog das Forum gibt, das zu schreiben, was sie in ihrem Medium nicht mehr schreiben können, dürfen oder wollen? Auch oder gerade über die lieben Kollegen.

Beispiel gefällig: Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer hat zum eingangs erwähnten SZ-Artikel in seinem Blog „Indiskretion Ehrensache“ ein klare Meinung: „Bernd Graff also ist Feuilletonist. In dieser Funktion hat er einen Artikel geschrieben, der sich in von der „Süddeutschen“ bekannten Zukunftsfeindlichkeit mit dem Internet beschäftigt. Es ist eine lange Schmierschrift ohne ein einziges Argument, angefüllt mit Denkansätzen, die die intellektuelle Tiefe von Kevin Kuranyi haben. Wenn überhaupt.“

Ja, ja, der Umgangston unter Journalisten kann im Netz manchmal ziemlich rauh sein. Zu einem anderen Beitrag auf Knüwers Blog kommentiert ein anonymer „Hannes Wurst“: „Ich halte „Indiskretion Ehrensache“ für ein „BesserBlog“: alle sind doof, nur der Blogger nicht.“ Und weiter: „Was hat dieser Mist in der Nähe meines geliebten Handelsblatts zu suchen? … Ein Blog verführt dazu, selbst-referentielle, eitle und qualitativ zu niedrig angesiedelte Informationen zu veröffentlichen, die letztendlich dem Ruf des damit verbundenen Mediums nur schaden. Und ich bin der Meinung, dass Herr Knüwer dieser Verführung in ganz besonderem Maße verfallen ist.“

Also, wer austeilt, muss auch einstecken – insbesondere wenn man auf Blogs anonym kommentieren darf. Und ist eigentlich schon irgendeine Schweinerei in dieser Republik durch einen Blogger publik geworden? Also, ran an die Tasten, liebe Kollegen: Beweist 2008, dass Blogger auch in essentiellen Dingen die besseren Quellen sind!

Warum sind Blogger nur so eitel?

  1. Weil sie sich mächtig fühlen. Denn gerade kritische Blogbeiträge machen vielen Menschen und Unternehmen Angst. Weil sie wissen: Ein Blogbeitrag ist, anders als der Zeitungsartikel, quasi für die Ewigkeit gemacht. Durch Suchmaschinen schnell, einfach und immer wieder zu finden. In Zeiten, da die einzelne Stimme eine Lawine auslösen kann, kommt deshalb einem Blog besondere Bedeutung zu – ganz gleich wie viele Leser er regelmäßig hat. Das wissen die Autoren …

  2. Muss man nicht sowieso eitel sein, wenn man massenhaft Zeit auf das Erstellen eines eigenen Schaufensters im Internet verwendet? Klar, warum würde man als Privatmann sonst auf die Idee kommen, freiwillig jede Menge hilfreiche Information zur Verfügung zu stellen und sich gegenseitig zu helfen. Privatblogger erzählen Pfoten-Anekdoten, empfehlen die besten Wein und plaudern über gute Segelreviere. Ohne Anspruch auf die endgültige Wahrheit.

Das Engagement der Fach-oder Expertenblogger mag auch noch verständlich scheinen. Den meisten geht es um einen Austausch im Kollegenkreis, der das Niveau von Fachmedien im Regelfall problemlos toppt – kleine Eitelkeiten inklusive.

  1. Ein Spezialfall sind aber die A-Blogger, deren Engagement nicht nur der eigenen Eitelkeit geschuldet ist, sondern auch der professionellen Vermarktung. Langsam, das zeichnet sich ab, können ein paar wenige Blogger nämlich halbwegs leben von Ihrer Tätigkeit. Robert Basic verdient nach eigenen Angaben mittlerweile 3.500 € im Monat.

Respekt, da muss ein Lokführer lange für streiken.

Wer es noch nicht auf Ad Sense, Adical & Co. abgesehen hat, nutzt das eigene Blog zumindest zur Imagepflege oder als Akquisetool. Und weil Bloggen damit Teil des professionellen Reputation Management wird, gehört es in einer eitlen Branche wie im Marketing sowieso zur Grundausrüstung. Eitel sein lohnt sich.

Müssen Blogger wirklich käuflich sein?

Sind Blogger denn überhaupt käuflich? Theoretisch ja, praktisch auch! Käme diese Aussage nicht von Deutschlands bekanntem „Profi“-Blogger Robert Basic, wer würde sich trauen, dies zu unterstellen?

Basic hat Blogger gefragt, ob sie Geld dafür nehmen würden, wenn Sie ein Produkt in ihrem Weblog vorstellen. Und wie hoch der Preis sei, den Unternehmen dafür bezahlen müssten? Für ein „schlechtes“ Produkt würde fast die Hälfte der Blogger demnach erst ab 5.000 € schwach werden. Bei einem „guten“ Produkt würden schon 100 € reichen, damit ein Viertel in die Tasten haut.

Der Hort des Bürgerjournalismus und der unabhängigen Meinungsäußerung fällt für ein paar hundert Euro? Ist es nicht weltfremd zu glauben, dass Blogger sich kein Honorar für ihren Aufwand wünschen? Muss man deswegen gleich davon ausgehen, dass künftig viele persönliche Empfehlungen gekauft sind? Schreibt Ihr künftig „Anzeige“ über einen Blogbeitrag, wenn Ihr ein Produkt oder eine Dienstleistung empfehlt?

Wo Meinung gemacht wird, wäre es naiv zu glauben, dass es niemanden gibt, der diese Meinung beeinflussen will. Da muss jeder selbst überlegen, ob und für wieviel Geld er seine Glaubwürdigkeit in seiner Community angreifbar machen will. Ganz wie im richtigen Leben. Vielleicht gewinnt ja 2008 die gute alte, als solche gekennzeichnete Werbung auch in Blogs ihre Freunde.

Haben Blogger die Moral gepachtet?

Aber klar. Anders als bei vielen Medien, die von der (Werbe)Industrie an der Leine geführt werden, dürfen Blogger fast alles – und das auch ohne stichhaltige Argumente. Sie dürfen Politiker beschimpfen, Medien kritisieren, Kollegen beschmutzen, jede Menge radikale Positionen vertreten und vor allem dürfen Sie eines: die Moral für sich pachten.

Schließlich sind Blogger irgendwie die besseren Menschen, zumindest halten sich etliche dafür. Gleichzeitig klauen sie selbst wie die Raben: Bilder und bewegte Bilder, Texte, Töne und mehr. Manche Blogs sind eine einzige Urheberrechtsverletzung. – Und die Moral von der Geschicht: Blogger sind dann doch viel besser nicht!

Blogger sind also eine große Gemeinschaft?

Harmonie pur, ja, das wäre schön. Bei den vielen harmlosen HundKatzeMaus-Tagebuchschreibern in eigener Sache, mag das noch gelten. Aber sonst, Pustekuchen. In der Blogosphäre auf Chartniveau, zwischen unseren geliebten Blogcharts-Starbloggern, geht es zur Sache wie in Literatenkreisen:

Peter Turi arbeitet sich am Bild-Blogger Stefan Niggemeier ab. Blogbar-de Don Alphonso an Peter Turi und Stefan Niggemeier spottet über Don Alphonso.

Wer sich berufsbedingt in Marketing- oder Medienblogs bewegt, trifft auf einen nahezu geschlossenen Kreislauf von kollegialem Aufmerksamkeitsneid.

Besonders beliebt ist Kollegen-Bashing auch bei den Videobloggern: Oliver Gehrs meiert in seinem Videoblog auf Watch Berlin den scheidenden Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek (ebenfalls Videoblogger) ab und sucht sich mit dem Spiegel bewusst den (nach Bild) größten Gegner gemäß dem Leitmotto „Viel Feind, viele Clicks“. Matthias Matussek selbst präsentiert stolz gleich drei Imitationsversuche seines Videoblogs und zieht dabei den Kollegen Morgenstern von der Zeit ordentlich durch den Kakao.

Zugegeben, all das ist manchmal ganz unterhaltsam. Auf Dauer dreht sich das aber zu sehr im Kreis.

Blogger sind zickig – wie lange noch?

Wenn Sie nicht gerade einen lieben Kollegen als Blogfeind haben, hattet Ihr schon mal mit Don Alphonso zu tun? Oder mit einem seiner Kollegen im Geiste? Falls nicht, weiß ich nicht, ob Ihr mich dann versteht. Falls ja, dann wisst Ihr, was ich meine:

Zickige Mädels sind eine Quelle der Freude verglichen mit so manch dauernörgelndem Onlinetexter, den die Gesinnungswut gepackt hat und bei dem die Tastatur zur Triebfeder wird. Warum darf man beispielsweise Bloggern, die sich als journalistische Plattform bzw. Informations-Plattform für eine Fach-Community verstehen, nicht Informationen zuschicken, die gleichzeitig auch an Journalisten gehen? Produziert man schon SPAM, wenn man Blogger als gleichwertige Informationsquelle ernst nimmt und sie entsprechend mit Text-/Bild-Mitteilungen versorgt? Müssen Blogger immer so unentspannt durchs Leben gehen? Leben sie vielleicht gesünder, weil sie ihrem ganzen Ärger schon im Netz Luft machen?

Also, ich habe 2007 so meine persönlichen Erfahrungen mit einigen „Kollegen“ gemacht und kann nur resümieren: Da draußen sitzen mitunter schon besondere Exemplare am PC, die sich, bevor sie einfach drauflos krakeelen, vielleicht doch erstmal in ärztliche Behandlung geben sollten.

Wie ärgert man Blogger richtig?

Ganz einfach: Man spricht ihnen einfach ihre Relevanz ab. Nichtbeachtung ist für einen Blogger die schlimmste Form der Missachtung. Wenn z. B. man auf einen ätzenden Kommentar zu eigenen Elaboraten, auf den der Blogger viel Zeit verwandt und ihn in nette sprachliche Schleifchen verpackt hat, nicht einmal einen Gegenkommentar übrig hat. Das trifft wirklich! Denn nur ein zitierter und kommentierter Blogger ist ein guter Blogger. In diesem Sinne: Schreibt mir – auch wenn’s (zu)trifft!

Apropos Jahresrückblick. Einen anderen kurzen, witzigen Zusammenschnitt hab ich dann doch noch gefunden: hier.