Ich bin überzeugt davon, dass Mash-up-Module die virtuelle Content-Welt und das Branding im Internet stark beeinflussen werden. Das habe ich ja schon des öfteren betont.

Um diese und andere Prognosen für 2007 aber nicht einfach so im Raum stehen zu lassen, will ich ab und zu mal einige Themen näher unter die Lupe nehmen. Beleuchten, wie sich diese Trends international entwickeln.

Zur Erinnerung: Der Begriff „Mash-up“ kommt eigentlich aus der Musikszene, wurde Ende der 90er-Jahre geprägt und beschreibt ein Remixphänomen, bei dem eine Musikcollage aus Stücken von zwei oder mehr Interpreten zusammengemischt werden.

Analog dazu beschreibt der Begriff im Zusammenhang mit Web 2.0 bzw. Internet-Themen einen Trend, bei dem Internet-Nutzer sich verschiedener, frei verfügbarer Content-Module bedienen und diese miteinander kombinieren bzw. in ihre Website/ihren Blog o. ä. einbauen. Entsprechende Module (wie z. B. Wetter-/Musik-/Finanz-Widgets oder Geo-Applikationen) werden der Internetgemeinde von Marken/Contentproduzenten kostenlos bereit gestellt. Die Anbieter liefern also Bausteine für User, die sich ihre Seite selbst zusammenstellen wollen, sich das Beste des Internets aus unterschiedlichen Quellen selbst kombinieren.

Mash-ups mit Kartendiensten.

Ein sicher jedermann bekanntes Beispiel für ein Mash-up-Modul ist Google Maps. Google Maps erlaubt die unterschiedliche Darstellung von Regionen und die Verknüpfung von Geodaten mit anderen Datenquellen. Die daraus resultierende Bandbreite für mögliche Anwendungen und Marketingtools ist enorm und soll deshalb hier nur kurz angerissen werden:

World Shaded Relief 1
World Shaded Relief 4
Der Spanier Jon Parker hat bei „World Shaded Relief“ interessante Layer zur normalen Google Map Ansicht hinzugefügt. Diese Layer (Seen, Flüsse und Gewässer) ergeben eine schattierte Kontur und erleichtern so die visuelle Wahrnehmung der Terrain-Eigenschaften der Welt. Zusätzlich zu dieser Erweiterung hat Jon die spezielle Kontur noch mit der GeoNames.org Datenbank (über 8 Millionen geographische Namen, Berge, Flüsse etc.) verknüpft. Was dem User ermöglicht, geographische Daten direkt auf der Karte zu sehen.

Eine, wie ich finde, superspannende Anwendung ist „Geowalk“. Hier werden Geodaten mit Infos zu Reisen, Hotels, Jobangeboten, News, Veranstaltungen oder Wetterdaten verknüpft. Ein echte Alternative/Ergänzung zu klassischen Portalen, oder?!

Geowalk
Housemappings

Oben: „Housingmaps“, eine zeitgemäße und in den USA bereits verbreitete Form der Immobilienvermarktung.

Unten: „myGmaps“, ein neuer Google-Service, der sich noch in der Prelaunch-Phase befindet. Voraussichtlich wird es mit ihm möglich sein, Kundendaten zu managen und mit Google Maps sichtbar zu machen. – Z. B. Vertriebsdaten könnte ich mir vorstellen. Dann ist die Zeit endgültig vorbei, da der Vertriebsleiter seine roten/grünen/gelben Fähnchen in die große Landkarte steckt, um dem Außendienst visuell zu verdeutlichen, welche Verkaufsgebiete gut und welche schlecht dastehen (ältere Leser werden dieses Procedere vielleicht noch miterlebt haben …).
myGmaps

Chicagocrime
Oben: „Chicago Crime“, praktische Ausgehhilfe und Ratgeber, wo man sich tunlichst in Chicago nicht niederlassen sollte.

healthcarethatworks
„Healthcare that works“: eine interessante Anwendung, die ich mir (in abgewandelter Form) gut auch als Service eines Pharmaunternehmens vorstellen kann, oder nicht?!

Looklocal
„LookLocal“: Interessant an diesem Dienst ist,
dass LookLocal nicht nur Google Maps als Kartendienst, sondern auch Microsoft Live Local und Yahoo! Maps verwendet. Außerdem werden die Geodaten in Version Beta 2 Video- und Multimedia verknüpft (bislang allerdings nur für Nordamerika und Großbritannien). Das ist eindeutig die Zukunft, wie auch der Boom bei Webcam-Applikationen rund um Google Maps zeigt. Einige Beispiele seien hier genannt:

worldcams

pediax

jotle

„Pediax“ und „Jotle“ (s. oben) sind Google Maps Mash-up für Wikipedia. Heißt: Sie stellen geocodierte Wikipedia Artikel (momentan über 50.000) auf einer Google Map dar.

Andere Wikipedia Mashups sind beispielsweise:

Ein besonderes Kapitel sind auch Tourismus Mash-ups mit Google Maps. Weil diese Applikationen eine neue Dimension der Touristen-Information darstellen. Exemplarisch zu sehen an der Seite „Virtual Tourism“.

virtual-tourism

Du planst Deinen Urlaub und willst während am Strand nicht auf ihre Internet Verbindung verzichten? Dann schau vor dem Buchen vielleicht noch mal bei „GeekAbout.com“ vorbei. Denn GeekAbout hat eine Liste mit den 10 Top Stränden, die mit WiFi-Anschlüssen ausgestattet sind.

Weltweit ist WiFi-Mapping inzwischen zu einem Thema geworden, wie weitere WiFi-Seiten mit Google-Mash-ups zeigen:

Bevor ich jetzt Google-Maps noch und nöcher aufzähle, nur noch eine Aktion, die am 26. Januar in Australien stattfand. Dort hat Google Australien den „Australien Tag 2007“ gefeiert und in diesem Zusammenhang die Bucht von Sydney von oben photographiert. Das Besondere daran: Jeder konnte auf den Google-Maps-Photos sein, welche das Flugzeug aus der Luft machte (und sich damit auf Google-Maps verewigen). Alle Zeiten und Koordinaten der Flugrouten wurden zuvor veröffentlicht – man musste sich also nur zur rechten Zeit am rechten Ort befinden.

google-australia-photoaktion

Wen’s interessiert: Eine Übersicht unterschiedlichster Google Maps Mash-ups gibt es hier.

Mash-ups in Form von Widgets.

Google Maps ist aber nur eines von vielen Mash-up-Modulen, die zur Zeit weltweit entstehen und der Internet-Gemeinde zur Verfügung gestellt werden. Insbesondere sog. Widgets zu allen Themen liegen absolut im Trend. Ein Widget ist ein kleines eigenständiges Programm bzw. Software-Tool mit Fenster, welches eine spezielle Funktion oder Anzeige übernehmen kann: z. B. als Wetter- oder Börsenticker oder als Suchtool.

widget-galerie

Seiten, von denen man sich sich unterschiedlichste Widgets kostenlos downloaden kann, sind zum Beispiel:

schmedleyyahoo!-widgetssixapart-widgetsprotopage-widgetspring-widgetsgoowy
yourminis

Mash-ups und die Krux mit der freien Kombinierbarkeit.

Allein diese (in den USA derzeit explodierende) Angebotsvielfalt zeigt: das individuelle Zusammenstellen von Internet-Content liegt im Trend.

Aus Sicht des Brandmanagements ist dabei ein weiterer Aspekt interessant: Denn die Neukombination unterschiedlicher Inhalte führt dazu, dass die User künftig bestimmen, was, wann, wie, wo und mit wem stattfinden wird – nicht nur auf einer persönlichen Startseite, sondern eben auch in Publikumsmedien wie z. B. Blogs oder Social Networks.

Warum das bedenklich werden könnte? Weil Unternehmen (respektive: Brandmanager) kaum noch überblicken – geschweige denn entscheiden – können, wo ihre Marke präsent ist und vor allem in welchem Umfeld/Zusammenhang diese präsentiert wird.

  • Ein fiktives Beispiel: So dürfte ZDF-Intendant Markus Schächter nicht gerade amused sein, wenn ein vom ZDF bereitgestelltes Wetter-Widget auf einer Erotikseite zu finden wäre – nach dem Motto: „Wie wird das Erotik-Wetter heute? Lieber DVD oder ab ins Kornfeld?“
  • Oder ein anderer Aspekt: Natürlich werten qualitativ hochwertige Content-Module eine Seite auf. Ein Blog könnte also – durch Anreicherung verschiedener Module (z. B. diverser Finance-Widgets) – sehr schnell an Bedeutung in der Szene finanzinteressierter User/potenzieller Anleger gewinnen. Die Reichweite steigt und vielleicht kommt der Blogbetreiber auf die Idee, seine Blogseiten als Werbeflächen zu vermarkten (soll ja nicht unüblich sein). Dann haben wir im Grunde eine absurde Situation: Denn der Blog profitiert finanziell durch den Content der Marken. Und an den Marken geht ein Teil möglicher Werbeeinnahmen vorbei, weil sie durch das Bereitstellen hochwertiger Content-Module den Aufbau neuer konkurrierender Werbeumfelder unterstützen.

Das ist das Dilemma: Für Unternehmen wird es darum einerseits wichtig, dem Mash-up Trend zu folgen. Andererseits erwachsen aus der freien Kombinierbarkeit möglicherweise Gefahren für die Marken bzw. für das Geschäftsmodell eines Unternehmens. Dieser Spagat zwischen „Dabei sein ist alles“ und „möglichem Einkommens- bzw. Kontrollverlust“ stellt neue Herausforderungen an das Brandmanagement und die Unternehmensführung.

Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass schon bald die Diskussion aufflammen wird, ob Widgets und andere Content-Module nicht ausschließlich kostenpflichtig zur Verfügung gestellt werden sollen. Damit ließe sich einerseits vertraglich regeln, wo und in welchem Umfang die Bausteine verwendet werden (wie das bei Bildarchiven heute der Fall ist!) und andererseits an möglichen Sekundäreinnahmen partizipieren. So viel erstmal zu Widgets & Co. Bin gespannt, wie Eure Meinung dazu ist.

Mash-up-fähige Portalseiten.

Ein anderes Feld, das im Zusammenhang mit Mash-up-Lösungen genannt werden muss, sind Services, die einem User ermöglichen, seine (Start-) Seite zu individualisieren. Und zwar, das ist der Unterschied zu klassischen „MyXY“-Lösungen, mit Content-Modulen verschiedener Marken/Lieferanten. Hier gibt es inzwischen eine Reihe toller Lösungen, wie man supereinfach Inhalte verschiedener Seiten/Marken konfigurieren kann:

Ich bin ja ein Riesenfan von Netvibes, aber ehrlicherweise sollte man zumindest noch diese erwähnen (wenn Ihr noch Linktipps habt, immer her damit!):

netvibes
pageflakeswebwaggoogle-mashsanebull

Wie in vielen anderen Bereichen auch, so tummeln sich bislang hauptsächlich „neutrale“ Anbieter in diesem Feld. Richtig spannend wird das Thema „Individualisieren der Seite“ aber dann, wenn die großen Marken über ihren Schatten springen. Und erlauben, dass man über ihre Seite auch Inhalte der Hauptwettbewerber abrufen kann. Beispiel: Man kann sich dann bei sueddeutsche.de (mit einer Technik à la Netvibes) eine (Start-) Seite konfigurieren, auf der auch Meldungen von spiegel.de, faz.net und welt.de zu sehen sind. Und die direkt auf die Wettbewerber verlinken.

Ich finde das, strategisch gesehen, eigentlich überaus clever, solche Services anzubieten. Denn schließlich bleibt der User ja (im genannten Beispiel) auf sueddeutsche.de. Hier hat er seine persönliche Startseite, sein Tor ins Internet und damit auch seine Heimat. Aber offensichtlich sehen das die Unternehmen doch eher skeptisch, ansonsten hätte wenigstens eines diesen Vorschlag schon längst umgesetzt …

colorado-home

paris-metro

Fazit: Mash-ups in allen erdenklichen Formen sind ein Megatrend, der sich in den USA schon weitreichend durchgesetzt hat. Und der zweifelsohne demnächst auch bei uns vollends Einzug halten wird.