Soeben ist in den USA eine neue Healthcare-Seite an den Start gegangen. Sie heißt „Who Is Sick?“ und könnte sich als Internet-Startseite für alle Hypochonder etablieren.

Who-Is-Sick

Im Ernst: „Who Is Sick?“ basiert auf user-generated-content und ist so was wie eine Gemeinschaftsplattform für allgemeines Unwohlsein. Heißt: User können via „Who Is Sick?“ checken, ob sich andere Menschen in ihrer Umgebung auch schlecht fühlen bzw. ähnliche Krankheits-Symptome besitzen wie sie selbst.

who-is-sick?

„You’re so sick! Find out why“ heißt es und meint: Die gemeldeten Beschwerden lassen sich nach Alter, Geschlecht und Örtlichkeit selektieren. Dies soll und kann natürlich keine ärztliche Diagnose ersetzen, gibt den dbzgl. (über)sensiblen Usern aber ein Gefühl dafür, welche evtl. ansteckenden Krankheiten sich in ihrer Gegend gerade ausbreiten.

Man kann zu diesem Portal stehen, wie man will, aber was meines Erachtens wieder mal deutlich wird:

  • Patienten haben ein besonderes Bedürfnis, sich über ihre Krankheit/ihre Lebenssituation auszutauschen (Patientenforen waren deshalb auch die Vorläufer heutiger Internet-Communities)
  • Die Information/der Austausch geschieht nicht unbedingt auf dem fachlichen Weg, sondern am Arzt/an der Pharmaindustrie vorbei
  • Und drittens: Web 2.0 hat nun auch den Healthcare-Sektor erreicht – wenngleich hier in Europa die Akzeptanz neuer, internetbasierter Kommunikationstools bei weitem nicht so ausgeprägt ist wie in den USA

Tatsächlich hat man in den USA die Chancen moderner Web 2.0-Applikationen schon längst erkannt: sowohl im B2B-Bereich wie bei der Patientenansprache. Einige davon seien im Folgenden kurz skizziert.

Beispiel: Online Social Networks

Online Social Networks (OSNs) haben sich sowohl in Verbindung mit speziellen Indikationen (z. B. Krebs: Cancer Place) und unter einem großen Dach (z. B. Daily Strength) etabliert.
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daily-strengthtraineoorganized-wisdom

Beispiel: Slideshows/Wikis

Die Nutzung von Slideshows und Wikis als Wissensmanagement unterstützende Systeme ist in den USA ebenfalls gängig. Selbst die Einbindung von Videocasts gehört inzwischen zum Standard. Das zugrunde liegende Prinzip ist die Nutzung kollektiven Wissens: Je mehr Menschen mitmachen und sich einbringen, desto umfangreicher und qualitativ besser werden die Daten.

slidesharepharma-wikiganfyd-wiki

Beispiel: virtuelle Welten

Die Nutzung von Second Life durch die American Cancer Society und Centers for Disease Control und Prevention (z. B. für Ernährungsberatung, Krebsvorsorge und sonstige Präventionsprogramme) ist, meines Wissens, derzeit in Prüfung.

Beispiel: Blogs

Die Anwendungsgebiete für Weblogs im Gesundheitsbereich sind vielfältig, deshalb haben sich diese auch relativ schnell durchgesetzt – z. B.:

  • als öffentliches Weblog für alle Internetnutzer (Patient beschreibt seinen Umgang mit einer Krankheit),
  • als öffentliches Fach-Blog (Arzt schreibt für Ärzte: kommentiert z. B. internationale Veröffentlichungen zu einem bestimmten Thema),
  • als unternehmensinternes Weblog zur Mitarbeiterinformation bzw. zum Wissenstransfer,
  • als veranstaltungsbegleitendes Weblog, in dem mit Rednern/anderen Fachleuten diskutiert werden kann
  • usw.

pharma-blogs
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Beispiel: Diagnose- und Beratungstools

Gerade für den Bereich freiverkäuflicher Arzneimittel erweitern webbasierte Diagnose- und Beratungstools die Möglichkeiten, mit Patienten zu interagieren, immens. Für die Pharmabranche bedeutet dies u. a.

  • eine Ergänzung der Kommunikationskanäle,
  • eine mögliche Unterstützung bei Selbstmedikation,
  • eine Verbesserung der Compliance.

Diese Chance zu nutzen, wird für Pharmaunternehmen aber auch aus einem anderen Grund zur Schlüsselfrage. Denn, wenn der „direkte Draht zum Patienten“ nicht aufgebaut bzw. gehalten wird, besteht künftig mehr als in der Vergangenheit die Gefahr, dass sich die Patienten auf Umwegen informieren (s. oben). Und Pharmaunternehmen so einen Großteil ihrer Beratungshoheit einbüßen.

web-mdcheck-tonightrevolution-health
diagnose-tool

Beispiel: Bookmarking/Tagging/Ratgeberportale

Vor dem Hintergrund von Web 2.0 entstehen neue Patienten-/Verbraucherinfor-mationssysteme: interaktiv, intersozial, interdisziplinär.

Ratgeber-Portale wie „Yahoo! clever“, „Lycos iQ“ oder „Gute Frage“, wo angewandtes Wissen vermittelt wird. Und, das ist neu daran: von Usern für User. Plattformen, die von „neutralen“ Internetplayern betrieben werden und die Beratungshoheit der Pharmaunternehmen untergraben.

gute-frage
Yahoo-clever
lycos-iq
connotea

Beispiel: Suchen

Weil die Ergebnisse klassischer Suchmaschinen bei fachspezifischen Suchen nicht immer zufriedenstellend sind, entwickeln sich immer mehr interaktive, teils personalisierte Spezialsuchen (u. a. auch für den Pharmabereich).

google-health
vimo

Beispiel: Mash-ups

Das klassische Pharma-Mash-up ist eines in Verbindung mit Google Maps (vgl. auch diesen Artikel). Aber es gehen inzwischen schon welche den Weg, Inhalte verschiedener Seiten/Marken miteinander zu kombinieren und so einen neuen Dienst anzubieten (wie z. B. News Blade, welches frei verfügbare News, Blognachrichten, Video- und Audio-Feeds mit der Google-Suche verknüpft).

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healthcare-that-workshealthmapnews-blade

Fazit:

  • Das Internet wird mehr denn je zum sozialen Interaktionsraum: auch rund um Gesundheitsthemen
  • Web 2.0 bietet zahlreiche neue Anwendungen, die eine neue Wahrnehmung gesundheitlicher Themen ermöglichen: Wikis, Blogs, Online Social Networks u. a.
  • Web 2.0 eröffnet neue Chancen im Bereich der Patientenansprache, aber auch um Ärzte bzw. medizinisches Fachpublikum zu erreichen/einzubinden

Einige Chancen, die Web-2.0-Anwendungen für Pharmaunternehmen bieten:

  • Detaillierte, stets aktualisierte Produktinfo (zu allen Medikamenten gibt es ständig neue Reports)
  • Das Gleiche bei Erkrankungen (ggf. mit Mailings und Diskussionsmöglichkeit der neuen Infos)
  • Informationelle Unterstützung von Ärzten
  • Dosisrechner unter Berücksichtigung von Wechselwirkungen
  • Interaktive Unterstützung (zur Verbesserung der Compliance) wie z. B. Video „How to use“, Zuckertagebuch, Diätplaner (z.B. bei speziellen Erkrankungen wie Bluthochdruck)
  • SMS-Alert zur Erinnerung an Einnahme
  • Health-Reminder Assistant geplant von American Cancer Society für nächstes Jahr
    Information zu und Verbreitung des Off-Label Use von Medikamenten
  • Virtual Worlds als Marketing-Umfeld und Plattform zur Gesundheitsaufklärung
  • Web-2.0-Anwendungen unterstützen auf ideale Weise das „Coping“ mit Krankheiten (insbesondere Kinder und Jugendliche)
  • Plattformen für Patientenvertreter (Patientenvertreter sind meist selbst von der gleichen Krankheit betroffen oder betroffen gewesen und rekrutieren sich oft selbst)
  • Neue Qualität der Patienten-Beziehung
  • Research- und Ideenfindungsquelle
  • Interaktionsräume zwischen Pharma-Branche und medizinischem Fachpublikum
  • usw.

Unternehmensintern:

  • Wissensmanagement
  • Qualifikation/E-Learning
  • Integration/Motivation/Akzeptanzsteigerung (speziell bei Mergers)