Heute Morgen erhielt ich wieder mal eine Mail, mit der mir die virtuelle Welt von Second Life angepriesen wurde. „… Das geht gerade richtig ab. Superspannend: Dienstleistungen in eine virtuelle Parallelwelt übertragen und damit neue Kommunikationskanäle/-plattformen schaffen. Und überhaupt: Leo Burnett und die Agenturgruppe Newton 21 sind doch auch schon drin … Und Ihr? …“

second-life
Und wir? Wahrscheinlich gibt es irgendeine unbekannte Drüse in mir, die sagt: Lass die Finger davon, das ist alles nur dummes Gequatsche. Einzig für die ersten einer Branche ein PR-Gag, mehr aber auch nicht. Denn obgleich die Seite, laut Philip Rosedale (Linden Lab), den Gründern der virtuellen 3D-Welt, derzeit etwa fünf Millionen registrierte Mitglieder zählt, werden für 2006 gerade mal etwa 11 Milllionen Dollar Umsatz geschätzt. Und das bei Preisen von 295 Dollar für eine Insel (zzgl. einmaliger Anschaffungsgebühr von 1675 Dollar!).

Anders rum: Der durchschnittliche Jahresumsatz pro User beträgt gerade mal 2,2 Dollar! Mehr nicht. Und das, obgleich Immobilien derart hohe Preise haben und für jedermann Gebühren fällig werden, wenn man bestimmte Dienste in Anspruch nehmen will.

Wesentlich interessanter, wenngleich regionaler ausgerichtet, ist CyWorld aus Korea (hier die englische Version). CyWorld funktioniert ebenfalls nach dem gleichen Prinzip: Geld verdient wird mit dem Verkauf virtueller Immobilien, virtueller Gegenstände und mit Mitgliedsbeiträgen – und wie! 20 Millionen Abonnenten in Korea, das sind 40% der gesamten Koreanischen Bevölkerung; 3 Millionen Abonnenten außerhalb Koreas. 22 Milionen Unique Visitors pro Monat, 20 Billionen Page Views pro Monat und 300.000 Dollar täglich (!!!) mit dem Verkauf digitaler Items; 6 Millionen Songs pro Monat und ca. 100.000 Videos, die täglich upgeloadet werden (das ist mehr als bei Youtube!).

Das ist nicht nicht nur beeindruckend, das ist der pure Wahnsinn!!!

cyworld-home

cyworld-detail1Und trotzdem habe ich Zweifel, dass solche Konzepte auf Deutschland zu übertragen sind. Weil Koreaner einen anderen historischen Background haben (kommen halt aus einem System, in dem die Freiheit des Einzelnen wenig zählte und die neu gewonnene – wenn auch virtuelle – leben sie dem entsprechend aus). Weil die Koreaner generell anders, viel offener mit Kommunikationsmedien umgehen als wir (s. auch Mobiltelefonie). Und weil wir (Deutsche/Europäer) in der Gesamtheit vielleicht doch nicht so verspielt sind, wie andere Nationen.

cyworld-detail3

Cyworld: Social Network im Manga-Style.

Virtuelle Welten gibt es bei uns doch schon lange: z. B. Habbo Hotel oder die Sims. Aber haben sich diese hier in Deutschland wirklich durchgesetzt?

Ich will Habbo & Co. nicht klein reden, immerhin haben die nämlich zigmal so viele registrierte Nutzer wie Second Life (wenngleich auch die nur zu einem geringen Teil aktiiv sind).

Ich glaube nur nicht dran, dass sich bei uns in absehbarer Zeit virtuelle 3D-Welten durchsetzen werden. Dafür ist die Grafik noch zu schlecht, dafür sind die Konzepte noch zu monoton und dafür ist die Mentalität der Deutschen einfach zu rational geprägt.

habbo-hotel

sims

Aber vielleicht braucht es ja auch solcher Aushängeschilder wie Second Life, um sich bewusst zu werden, dass der virtuelle Zug derzeit sowieso viel zu schnell fährt und man seine reale Umgebung viel zu oft links liegen lässt. Geht mir zumindest so. Und dann bin ich Seiten wie „Get a first Life“ oder Videos wie dem folgenden ganz dankbar.

first-life