Dass die Kampagne von Tchibo und ESSO zur Einführung von Kaffee an Tankstellen mit dem Claim „Jedem das Seine“ (vgl. u. a. Artikel auf Spiegel online) ein unsäglicher Fehltritt war, daran zweifelt wohl niemand. Ebenso auch nicht daran, dass die Schuld einer solchen Fehlleistung gewiss nicht allein bei der Agentur zu suchen ist – welche auch immer es jetzt war (vgl. zur Diskussion).

Aber welche Agentur nun dahinter steckt, gilt es auch gar nicht zu klären. Sondern vielmehr selbstkritisch anzumerken,
dass dieses historische Wissen einfach da sein MUSS, insbesondere in den Köpfen derjenigen, die sich – wie wir Werber das nun mal tun – stets sprachlich sehr weit aus dem Fenster hängen. Diese Verantwortung haben wir nun mal!
Und wenn das Wissen einfach nicht da ist??? Ich selber erfahre ja auch regelmäßig, dass dem Nachwuchs viele historische Zusammenhänge nicht zwingend geläufig sind? Ja, dann muss eben entweder eine Lehrstunde grundsätzlicher Natur herbei oder ein Vier-Augen-Absegnen, um derart kapitalen Ausrutscher zu vermeiden.
Also ich möchte ja weiss Gott nichts an unsere NS Vergangenheit beschönigen, aber mir zeigt dieser Fall nur all zu deutlich, dass wir Deutschen offensichtlich immer noch nicht mit unserer Vergangenheit umgehen können. Mich stört es zunehmend, dass wir heutzutage immernoch einen derartigen Aufriss machen, wenn eine Redewendung auf welchem Wege auch immer in Verbindung mit der Vergangenheit gebracht wird. Im vorliegenden Falle finde ich es um so unnötiger, da der Spruch “Jedem das seine und mir das meisste.” im normalen Sprachgebrauch an der Tagesordnung ist. Zumindest habe ich bisher nicht erlebt, dass man bei Ausspruch dieser Redwendung direkt dem rechten Lager zugeschrieben wurde.
Auch wenn der Claim aus dieser Sicht mehr als nur unglücklich gewählt ist, denke ich das keiner rechtes Gedankengut verherrlichen wollte. Es ist hier sicherlicher eher “Jedem nach seinem Geschmack” gemeint, als der zynisch Missbrauch, welcher in Buchenwald geschah.
Ist ja auch kein Einzelfall in der Werbung; siehe den Spiegelartikel Esso/Tchibo reiht sich ja in nette Gesellschaft (BurgerKing, Rewe, Nokia). Zeigt wohl es handelt sich um ein Sprichwort im täglichen Gebrauch.
Aber hier gehts doch grad nicht um den “normalen Sprachgebrauch”, sondern um eine Kampagne. Und wenn der Zentralrat der Juden diese Kampagne – wie ich finde – zurecht geißelt, dann sollte doch spätestens diese Reaktion zeigen, dass hier nicht eine “gefühlte” individuelle Sprachfreiheit eingefordert werden kann. Vielmehr muss sich in Deutschland eben der Werbetreibende wie auch die Agentur der Bedeutung dessen, was er in die Öffentlichkeit hinausruft und damit eben “öffentlich” macht, bewußt sein. Und nebenbei: es schadet auch nicht, wenn man sich im “normalen Sprachgebrauch” das Bewußtsein dafür erhält (oder schafft), welch dramatische Bedeutung dieser Spruch für viele Menschen/Todgeweihte in der NS-Zeit hatte.
entschuldigung, aber sachliche frage: mit welcher begründung genau geißelt der zentralrat der juden diese kampagne “zu recht”?!?
halten wir mal als vernünftig denkende menschen für einen moment den werberkollegen zu gute, dass sie sich NICHT auf die inschrift über dem eingang des kz’s beziehen. dies gesagt, stellt sich die frage, wer in einem freien land darüber richtet, was gesagt und was nicht gesagt, womit geworben und womit nicht geworben werden darf.
per einfacher google recherche habe ich in 5 sek gleich zwei zitate gefunden, auf die sich der slogan leicht beziehen könnte:
1) “Gerechtigkeit gibt jedem das Seine, maßt sich nicht Fremdes an und setzt den eigenen Vorteil zurück, wo es gilt, das Wohl des Ganzen zu wahren.” (Ambrosius von Mailand) 2) “Jedem das Seine geben: Das wäre die Gerechtigkeit wollen und das Chaos erreichen.” (Friedrich Wilhelm Nietzsche)
müsste da nun nicht ein gutachten her, bevor man eine deratige öffentlichkeitswirksame welle lostritt? die nazis haben viele elemente deutscher kultur ad absurdum geführt, darf man sie deshalb nicht mehr hervorholen?
ich kann in der bewertung dieses vorfalls meinem vorredner thomas nur zustimmen. das ganze halte ich für völlig absurd.
Dazu gibt es zwei Dinge zu sagen: 1. auch ich finde es jammerschade um diesen Rechtssatz, der seinen Ursprung ja schon bei Aristoteles fand. Er definierte Gerechtigkeit als eine Tugend, durch die jeder das Seine erhält. Oder mit anderen Worten (der Digesten) „Gerechtigkeit ist der unwandelbare und dauerhafte Wille, jedem sein Recht zu gewähren“. Aber genau darin lag ja die zynische Perversion dieses Satzes: als die NAZIS ihn als „Willkommensbotschaft“ am Eingangstor den KZ-Insassen und damit knapp 56.000 Todgeweihten in Buchenwald mit auf ihren Weg gaben. In den 136 Außenkommandos diese KZ waren Häftlinge zu Sklavenarbeit v. a. bei Rüstungsunternehmen wie IG Farben, Junkers, Krupp, BMW, Rheinmetall-Borsig und Wintershall eingesetzt worden. Seit dieser Belegung des keineswegs als „Element deutscher Kultur“ geltenden Satzes, ist es schlicht, übrigens auch nach Ansicht der beiden Unternehmen, die die Kampagne sofort gestoppt haben, nicht opportun, diesen zu Kommerz-Zwecken einzusetzen. 2. möchte ich einmal die „vernünftig denkenden Menschen“ daran erinnern, welche Rechtsgüter hier zur Abwägung stehen: es sind nämlich einerseits die Empfindungen und ÄNGSTE von Angehörigen und Nahestehenden von zumeist, aber nicht nur jüdischen Opfern der bestialischen NS-Maschinerie und auf der anderen Seite das „Recht des Gedankenblitzes“ eines gedankenfaulen Texters, der sich einer – aus seiner Sicht offenbar inhaltsleeren – Satzhülle bedient, um klar zu machen, dass man jetzt an Tankstellen auch Kaffee kaufen kann…..
Ich kann mich da nur Jette anschließen, es kann nicht sein das Werber diesen “Spruch” verwenden, ohne sich anscheinend näher über die Bedeutung/Historie/Hintergründe eines solchen “Spruches” Gedanken machen. Als Werber sollte ich mir meiner Verantwortung bewußt sein, wenn ich bestimmte “Sprüche” öffentlich mache, auch gerade im Hinblick darauf, wenn sie bereits in der Vergangenheit zur Werbung missbraucht worden sind und entsprechende Reaktionen hervorgerufen haben.
klar, kriegt der werber wieder auf die fresse.
und wer hat die freigabe gegeben für das zeug?! lächerlich! natürlich darf der texter das nicht anbieten. dennoch!
ich finde es total normal, dass man nicht alle “sprüche” der nazis drauf hat.kann schon mal passieren. ist es nicht zeit, sprache wieder sprache sein zu lassen, ohne sie im damals zu verhaften. diese ganze blabla-bürde vergangenheits gelaber…
Des kenn ich doch irgendwoher… “Du bist Deutschland?” -> http://zelos.zeit.de/bilder/online_aktuell/48/denn_du_bist_deutschland.jpg
früher hatte ich diesen satz auch nie mit großem nachdenken genutzt. es ist kein sehr häufiger, aber doch ein mehr oder weniger bekannter satz. seit ich jedoch weiß, dass er am eingang eines kz hing – auch wenn ich immer wieder vergesse, in welchem – meide ich ihn, so gut es geht und versuche jeden bekannten, der ihn doch mal nutzt, davon zu erzählen. dadurch gedenke ich jededs mal bei erwähnung den gefangenen und getöteten der ns. besonders seit ich den berühmten spruch “arbeit macht frei” mit eigenen augen in theresienstadt gesehen habe, ist mir bewusst, wie vorsichtig man mit manchen dingen umgehen muss. und, meiner meinung nach, müsste das in großen werbeagenturen zumindest irgendjemand wissen, dass diese paar worte nicht die richtigen für eine werbekampagne sind.
Wie kann man nur!!! [...] so engstirnig sein und die Herkunft dieses Ausspruchs vergessen. Natürlich meinte ich nicht die des 3. Reichs, wo es mehr “Jedem, was er verdient.” heißt, sondern dem Ursprung in der Antike “suum cuique” (Zitat Platon), mit dem Ziel für Gerechtigkeit zu säen, indem jeder nur das tut was er auch kann und nicht mehr, bzw. das bekommt was er auch braucht und keinem etwas genommen wird.
Ein weiterer Ausspruch Platons ist: “Leben heißt beobachten.” Wenn Deutschland sich dieses Zitat als Slogan für die Ausweitung des Überwachungskameranetzes hernimmt, mit der Erklärung: gemeint ist “Wir müssen beobachten, damit ihr in Frieden leben könnt.”, dann kann ich trotzdem noch Platon zitieren ohne ein Befürworter des gläsernen Menschen zu sein.
Zudem hatte das Hakenkreuz auch schon vorher eine andere Bedeutung und war ein Glückszeichen. Wenn Ihr jetzt einen Hindu oder Buddhisten mit Glücksbringer seht, auf dem dieses Symbol für Sonne und Unendlichkeit, sowie langes Leben und Gesundheit abgebildet ist, dann beschimpft Ihr diese bestimmt als Nazis. Und Tempel in Tibet sind geheime Unterschlüpfe, weil dort dieses Zeichen zur Verzierung verwendet wurde.
Kommt aus eurem Schneckenhaus und lernt die Welt mal kennen, es gab sie schon vor 1935, sie hat viel altes und schönes zu bieten. Jedes Volk hat Geschichte erlebt und Geschichte gemacht und ist nicht immer stolz darauf gewesen. Trotzdem dreht sich die Erde noch und Ihr lebt in einer Welt in der es euch schon sehr gut geht und in der euch Tchibo bzw. Esso auch Kaffee mit einem Zitat von Platon verkaufen dürfen.
Auch wenn der Thread von Anfang 2009 ist darf ich mich noch drüber aufregen. Euer Thema ist noch viel älter und bleibt anscheinend trotzdem frisch wie am ersten Tag.