Zwei Wochen trag ich es jetzt mit mir rum. Wusste nicht, ob ich endlich mal den Mund aufmachen soll, oder ob mir – wie in jedem Jahr – wieder einfach nur die Worte fehlen. Ich versuch’s. Ich tu’s. Ich lasse meinem Zorn über die alljähriche Prämierung der World Press Photos nun freien Lauf.

Zum Hintergrund: In diesem Jahr ist ein Bild des kanadischen Fotografen Finbarr O’Reilly mit einer Mutter und ihrem hungernden Kind als bestes Pressefoto des Jahres 2005 ausgezeichnet worden. Es entstand am 1. August in Tahoua im Nordwesten von Niger, wo eine Hungersnot herrschte. Und zeigt die Hand eines hungernden Kindes auf dem Mund seiner Mutter.
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Foto: AP

Begründet hat die Jury die Wahl damit, dass dieses Bild „Schönheit, Horror und Verzweiflung“ in sich vereint.

WENN ICH SO WAS LESE, LÄUFT MIR DIE GALLE ÜBER.

Und zwar leider jedes Jahr. Denn im letzten Jahr wurde ein nach der Tsunami-Katastrophe 2004 aufgenommenes Bild einer verzweifelten Inderin zum besten Pressefoto des Jahres gekürt. Und irgendwann davor das Foto des Vaters, der sein Kind im Kuwaitkrieg vor einem Gasangriff schützen wollte. Auch erinnere ich mich an das Kolumbianische Kind, das vor den Augen der Kameras im Schlamm versank.

Natürlich sind (Foto-) Reportagen wichtig, um die Öffentlichkeit zu informieren. Ob sie etwas bewegen? Da habe ich doch erhebliche Zweifel. Denn Fotos hungernder (afrikanischer) Kinder sieht die Welt nun schon seit Jahrzehnten. Aber geändert hat sich nix.

Was ich aber absolut unerträglich finde, ist die Art und Weise, wie die Jury mit ihrer Begründung das Leid anderer ästhetisiert („Schönheit, Horror und Verzweiflung in sich vereint“). Oder ist es nicht megazynisch, dass die Auszeichnung auf dem Hunger der Menschen basiert? Offensichtlich haben es Kinderfotos aus unseren Breiten wieder einmal nicht bis in die Endauswahl geschafft. Was mir zeigt, dass die Wahl eindeutig von der Horror-Komponente lebt.

Es ist doch der Inbegriff von Einfallslosigkeit, dass die Jury regelmäßig Bilder aus Krisengebieten oder generell Fotos notleidender Menschen prämiert. Da geht es nicht um Aufklären, da hat die Jury doch nicht das Anliegen, Bewusstsein wachzurütteln. Sondern, da wird bewusst prämiert, was einen gewissen Schockgehalt besitzt.

Ich bin nicht gänzlich gegen eine Prämierung, sondern primär dafür, die ästhetisch überragenden Bilder bei der Bewertung von denen mit stärkerem Info-Gehalt zu trennen. Also: Schafft endlich diesen World Press Photo Award ab! Und erfindet gefälligst einen neuen.